Ein Bildbericht vom „Paseo del Mar“

Es gibt Orte, an denen man spürt, dass eine Stadt gerade ihr Gesicht verändert. Der Hafen von Torrevieja ist so ein Ort. Wer heute über die frisch verlegten Platten geht, zwischen geschwungenen weißen Fassaden hindurch, die sich wie Schiffsrümpfe in den Himmel wölben, der ahnt es sofort: Hier ist etwas Großes im Entstehen. Und er ahnt zugleich, dass es noch nicht ganz fertig ist. An manchen Ecken stehen noch Bauzäune, ein gelber Kran reckt sich in das Blau, hinter Planen wird gearbeitet. Aber das Meer ist schon da. Es war ja immer da.
„Paseo del Mar“ heißt das neue Herzstück – der Weg des Meeres. Ein Name, der Programm ist. Denn genau darum geht es bei diesem Projekt: Torrevieja an sein Meer zurückzuführen, dorthin, wo die Stadt einst begann. Über 100 Millionen Euro fließen in diese Verwandlung des Hafenfronts, und das ist keine runde Marketingzahl, sondern eine Summe, die im Verlauf der Arbeiten immer weiter gewachsen ist. Ursprünglich waren rund 61 Millionen veranschlagt – der Anteil, den ein privater Investor trägt, die Unternehmensgruppe Empresas del Sol um den Unternehmer Enrique Riquelme. Etwa 40 weitere Millionen stemmt die Stadt selbst. Die technische Komplexität und die weltweit gestiegenen Baukosten haben den Rahmen gesprengt. So ehrlich muss man sein: Ein Prestigeprojekt dieser Größe kostet, was es kostet.
Die Planungen begannen 2023. Was seither entstanden ist, sieht man auf meinen Bildern – ein Freizeit- und Gastronomiekomplex von rund 10.500 Quadratmetern vermietbarer Fläche, siebenundzwanzig Geschäfte und Lokale, ein hochmodernes Kino, Restaurants, Familienunterhaltung. Namen, die jeder kennt, treffen auf lokale Marken: McDonald’s mit seinem gläsernen McCafé über zwei Etagen, Foster’s Hollywood mit dem roten Stern, das mediterrane Saona, die Casa Carmen mit ihren „platillos“, das Ozone, das Lateral, dazu ein Neocine Premium und – ich musste schmunzeln – ein „Home of Bowling“, das seine Wurzeln bis 1974 zurückdatiert. Rund 400 direkte Arbeitsplätze soll das alles bringen, mit ausdrücklichem Vorzug für Beschäftigte aus der Stadt. Verwaltet und vermarktet wird der Komplex von Optima Global Services.
Was man den eleganten Rundungen nicht ansieht: Unter ihnen steckt eine Ingenieurleistung. 511 Pfähle wurden in großer Tiefe in einen geologisch schwierigen Untergrund getrieben, damit dieser Bau überhaupt am Wasser stehen kann. Fachleute und Universitäten haben der Baustelle Besuche abgestattet. Man sieht am Ende nur die weiße, weiche Form – und vergisst leicht, wie viel Härte darunter liegt.

Doch bevor ich weiter vom Hafen erzähle, muss ich von der Stadt erzählen. Denn ohne sie versteht man das alles nicht.
Torrevieja liegt an der südlichen Costa Blanca, in der Provinz Alicante, etwa fünfzig Kilometer südlich der gleichnamigen Provinzhauptstadt. Rund 98.500 Menschen leben hier – eine erstaunliche Zahl für einen Ort, der noch vor gut hundert Jahren kaum mehr als ein Fischerdorf war. 1897 zählte man keine 8.000 Seelen. Heute ist Torrevieja eine der internationalsten Städte Spaniens: Über hundert Nationalitäten leben hier zusammen. Nur etwa sechs von zehn Einwohnern sind Spanier, der Rest kommt aus Großbritannien, aus Russland und der Ukraine, aus Skandinavien, aus Deutschland, aus aller Welt. Man nennt Torrevieja augenzwinkernd „la playa de Madrid“, den Strand von Madrid, weil so viele Hauptstädter hier ihr Zweitzuhause haben. Und Briten fühlten sich derart wohl, dass man den Landstrich schon spöttisch „Costa del Yorkshire“ getauft hat.
Der Name der Stadt selbst ist bescheiden und alt: „torre vieja“, der alte Turm. Ein Wachturm gegen die Piraten stand hier, mehr nicht, umgeben von ein paar versprengten Katen. 1829 machte ein schweres Erdbeben dem Ort den Garaus – Torrevieja wurde dem Erdboden gleichgemacht und musste sich neu erfinden. Das kann diese Stadt: sich neu erfinden. Der jetzige Hafenumbau ist nur das jüngste Kapitel einer langen Geschichte des Wiederaufbaus.
Was Torrevieja aber wirklich prägt, ist das weiße Gold. Salz. Gleich hinter der Stadt liegen zwei große Lagunen, die Salinas de Torrevieja und La Mata, und eine von ihnen leuchtet an heißen Tagen in einem unwirklichen Rosa. Es ist eine der bedeutendsten Salzgewinnungsstätten Europas, und anders als anderswo wird hier noch immer geerntet – das Salz ist kein Museumsstück, sondern lebendige Wirtschaft. Rund um die Lagunen erstreckt sich seit 1989 ein Naturpark, das Schutzgebiet der Lagunas de La Mata y Torrevieja. Flamingos staksen durch das flache Wasser, die Luft schmeckt nach Mineral. Wer glaubt, an dieser Küste gebe es nur Sonnenschirme und Strandpromenaden, der irrt: Direkt neben der Betriebsamkeit liegt ein Stück beinahe unberührter Natur, ein Refugium für Zugvögel und für alle, die Stille suchen.
Die Sonne verschwendet sich hier großzügig – das Klima ist halbtrocken und warm, mit milden Wintern und langen, glühenden Sommern. Vielleicht liegt es an dieser Beständigkeit des Lichts, dass Torrevieja auch eine musikalische Seele hat. Die Habanera, jener sehnsuchtsvolle Gesang, den die Seefahrer einst aus Kuba mitbrachten, wird hier gepflegt wie ein Schatz; das Internationale Habaneras-Festival ist weit über die Region hinaus bekannt. Am alten Salzkai, den Eras de la Sal, wo von 1777 bis 1958 das Salz verladen wurde, klingen diese Lieder besonders schön. Und wer die Geschichte begreifen will, findet sie im Museo del Mar y de la Sal, dem Museum von Meer und Salz.
Auch technisch ist Torrevieja bemerkenswert: Vor den Toren der Stadt steht eine der größten Meerwasser-Entsalzungsanlagen Europas. In einer Region, in der Wasser das eigentliche kostbare Gut ist, macht die Stadt aus dem Meer Trinkwasser. Es passt ins Bild – hier war das Meer schon immer Lebensgrundlage, Arbeitgeber und Versprechen zugleich.
Und damit sind wir wieder am Hafen, dort, wo diese Geschichte hinführt. Denn was heute „Paseo del Mar“ heißt, ist mehr als ein Einkaufs- und Vergnügungsort. Es ist der Versuch, die maritime Identität der Stadt zurückzuholen – so formuliert es Bürgermeister Eduardo Dolón, und ausnahmsweise klingt so ein Satz nicht nach hohler Politikerprosa. Man kann es beim Gehen nachvollziehen.
Das eindrucksvollste Stück dieser Wiedergewinnung ist die Rettung des historischen Muelle Mínguez, der alten Mole. Über 6,1 Millionen Euro allein fließen in diese Ecke. Man legt die ursprüngliche Struktur wieder frei und baut eine teilweise geflutete Plattform, die an die einstige Gestalt erinnern soll – Wasser, das dorthin zurückkehrt, wo es hingehört. Eine große beleuchtete Zierfontäne mit über siebzig Wasserdüsen soll dort entstehen, dazu ein kleiner musealer, digital gestützter Raum, der von der Fischerei und der Hafengeschichte erzählt. Im Zentrum des neuen Platzes tanzt schon eine andere Fontäne: 43 Wasserstrahlen in konzentrischen Kreisen, nachts in tausend LED-Farben getaucht, der mittlere schießt bis zu fünf Meter hoch.
Ringsum ist ein neues Stadtstück gewachsen. Ein Platz von über 4.600 Quadratmetern am alten Zollgebäude, gestaltet mit Materialien, die an die Salztradition erinnern. Eine 170 Meter lange Fußgängerpromenade am Fischereikai, mit Ruhezonen und einem Spielplatz. Mehr als 2.200 zusätzliche Quadratmeter Grün, über zweihundert neue Bäume, dreitausend Sträucher. Der Autoverkehr wurde aus weiten Bereichen verbannt; hier soll man gehen, verweilen, schauen. Und rund 18.900 Quadratmeter wurden zu einem multifunktionalen Festplatz umgebaut, groß genug für Konzerte, Feste und Veranstaltungen das ganze Jahr über.
Ein Element aber fehlt noch, und es ist ausgerechnet das verbindende: eine erhöhte Struktur, die den Hafenfront mit dem Dique de Levante, der langen Mole, verknüpfen und zugleich als Aussichtspunkt über das Meer dienen soll. Dieser Molen-Anschluss ist das Bindeglied, das aus einzelnen schönen Teilen ein Ganzes macht. Meine Einschätzung – und ich beobachte solche Baustellen mit dem geduldigen Argwohn dessen, der schon viele Eröffnungstermine hat kommen und gehen sehen – ist, dass sich diese Restarbeiten und die endgültige Fertigstellung bis ins Frühjahr 2027 hinziehen werden. Auch die durchgehende Verbindung zum Paseo Juan Aparicio, der Strandpromenade, ist noch nicht geschlossen.
Und trotzdem: Im Juni fand eine Teileröffnung statt. Die Geschäfte und Restaurants sind weitgehend in Betrieb, Menschen strömen durch die Tore, Kinderwagen inklusive, während anderswo noch der Beton aushärtet. Es ist dieser eigentümliche Zwischenzustand, der mich als Fotografen gereizt hat: eine Architektur von makelloser, fast kühner Eleganz – diese weichen, runden, an Segel und Wellen erinnernden Formen – und dazwischen die Spuren der Arbeit, die sie hervorgebracht hat. Fertig und unfertig zugleich. Genau in diesem Moment, glaube ich, ist ein Bau am ehrlichsten.
Vielleicht wird der „Paseo del Mar“ eines Tages das, was seine Erbauer versprechen: eines der großen städtebaulichen Wahrzeichen der Vega Baja, ein Anziehungspunkt für die ganze Comunidad Valenciana. Vielleicht bleibt er auch einfach das, was er jetzt schon ist – ein Ort, an dem eine alte Salz- und Fischerstadt aufs Neue ans Wasser tritt und sagt: Hier bin ich. Die folgenden Bilder habe ich an einem dieser hellen Tage aufgenommen, als das Blau des Himmels und das Blau des Meeres um die Wette leuchteten und die weißen Rundungen dazwischen fast schwerelos wirkten. Schau selbst, denn in den Galerien findest du viele Fotos vom „Paseo del Mar“.