
Wenn man heute aus der Luft auf die Moorlage in Horn schaut, sieht man ein ganz normales Wohngebiet: rote und dunkle Dächer, Gärten, ein paar größere Häuser, viele kleinere, dazwischen Grün, dahinter Felder bis zum Waldrand. Nichts, was einen stutzig macht. Und doch steckt in diesem Fleckchen am Rand von Horn eine Geschichte, die man dem friedlichen Bild nicht ansieht. Es ist die Geschichte eines Dorfes, das verschwinden musste – und der Menschen, die anderswo neu anfangen mussten. Man muss schon ein bisschen graben, um sie zu finden. Fangen wir an.
Zwei Namen, ein Zusammenhang
Es gibt bis heute in Nordrhein-Westfalen einen großen Truppenübungsplatz in der Senne bei Paderborn, den viele unter dem Namen „Sennelager“ kennen. Und es gibt die Stadt Horn-Bad Meinberg mit ihrem kleinen Ortsteil Moorlage. Auf den ersten Blick haben ein Panzerübungsgelände und eine beschauliche Wohnsiedlung nichts miteinander zu tun. Auf den zweiten Blick hängen sie unmittelbar zusammen. Das Bindeglied ist ein Dorf, das es so nicht mehr gibt: Haustenbeck.
Haustenbeck – ein Dorf, das im Weg lag
Der Truppenübungsplatz Senne ist keine Erfindung der Nazis. Angelegt wurde er schon 1892, und bereits damals mussten Menschen ihrer Heimat weichen – rund fünfzig Haus- und Hofbesitzer. Doch die große, brutale Erweiterung kam in den Jahren 1937 bis 1939, unter dem Oberkommando des Heeres. Und mittendrin, eingezwängt zwischen zwei Übungsbereichen, lag Haustenbeck – „wie ein Schlauch“, wie es später hieß. Für den Übungsbetrieb war das Dorf schlicht hinderlich. Und was hinderlich war, das wurde in jener Zeit beseitigt.
Es ging Schritt für Schritt. 1935 wurden zwei Höfe im Süden des Dorfes geräumt. 1938 fiel der Beschluss, gleich das ganze Dorf aufzukaufen. Bis Ende 1939 war Haustenbeck dann fast vollständig geräumt. Man stelle sich das vor: Familien, die seit Generationen an einem Ort verwurzelt waren, mussten ihre Häuser, ihre Höfe, ihre Kirche, ihre Toten auf dem Friedhof zurücklassen. „Umsiedlung“ nennt das der Aktenvermerk. Zwangsumsiedlung trifft es besser. Andere Sennedörfer traf es übrigens noch bis in die 1970er Jahre – die Senne hat viele Heimaten geschluckt.
Eine neue Heimat auf der Moorlage
Wohin also mit den Haustenbeckern? Ein Großteil der Dorfgemeinschaft zog nach Horn. Das hatte einen handfesten Grund: Hier suchte die Firma Künnemeyer Arbeitskräfte – doch dazu später mehr. Für die Neuankömmlinge brauchte es Wohnraum, und zwar viel. So entstand die Moorlage, geplant als geschlossene Siedlung östlich beziehungsweise am Rand von Horn, zwischen dem entstehenden Baugebiet und dem Bad Meinberger Moor, dem alten „Moorstich“. Von diesem Moor hat die Siedlung ihren Namen bekommen.
Haustenbecker Tradition: Würste zur Reifung im Keller: Kohlwurst, Lippische Rinderwurst, Blutwurst (Foto KI-modifiziert)
Die Planungen liefen schnell an, jedenfalls für damalige Verhältnisse. Ein erster Vorschlag für die geschlossene Siedlung datiert auf den 18. Februar 1938. Anfang 1939 wurde vermessen, das Vorhaben als „kriegswichtig“ eingestuft, und Ende Januar 1939 fiel der Baubeschluss. Die Arbeiten begannen noch im selben Monat. Geplant wurde die Siedlung vom Kreisbauamt Detmold, und man ging großzügig zu Werke: 31 Einfamilien- und 13 Zweifamilienhäuser sollten entstehen, nach vier verschiedenen Haustypen, auf ordentlichen Grundstücken von einer bis drei Scheffelsaat – das sind grob 1.700 bis 5.100 Quadratmeter. Pro Haus rechnete man mit 8.000 bis 15.000 Reichsmark, den Strom lieferte die PESAG. In der lokalen Berichterstattung ist später zu lesen gewesen, dass die Moorlage 1939 zum größten Siedlungsbau in ganz Lippe wurde. Ein Prestigeprojekt, wenn man so will.
Das Richtfest – und der Krieg
Am 20. Mai 1939 wurde auf der Moorlage Richtfest gefeiert. Es wurden Reden gehalten, die Flaggen der Zeit wehten über der Baustelle – daran ließen es die Nationalsozialisten nie fehlen, wenn sich ein Bauvorhaben zur Inszenierung eignete. Anwesend waren die Betroffenen selbst, die umgesiedelten Haustenbecker, dazu die Handwerker und die örtliche Bauleitung. Große NS-Prominenz ist für diesen Bauabschnitt allerdings nicht verzeichnet – die roten Fahnen mit dem Hakenkreuz standen da, aber die Herren aus der Partei glänzten hier durch Abwesenheit. Vielleicht war so ein Handwerker-Richtfest am Rande von Horn dann doch zu klein für den großen Auftritt.
Richtfest im Mai 1939 (Foto KI-modifiziert)
Der eigentliche Umzug in die neuen Häuser war für den 5. November 1939 vorgesehen. Doch die Geschichte hatte andere Pläne. Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg – und die Umzugsvorbereitungen wurden gestoppt. So kam es, dass die Menschen, die man erst aus ihrer Heimat vertrieben hatte, nun auch noch in ihrer neuen Heimat auf den Krieg warten mussten. Es ist eine dieser bitteren Fußnoten der Zeit, dass ausgerechnet der Krieg, für dessen Vorbereitung man Haustenbeck geopfert hatte, den Neuanfang der Vertriebenen erst einmal ausbremste.
Die Moorlage im Jahr 1955 (Foto KI-modifiziert)
Warum ausgerechnet Horn? Die Holzindustrie
Die Moorlage war nicht nur ein Auffangbecken für Umgesiedelte. Sie war zugleich das, was man heute nüchtern eine „Werkssiedlung“ nennen würde. Denn Horn war damals ein Zentrum der bedeutenden Lippischen Holzindustrie, und die brauchte Hände.
Da war die Firma Gebr. Künnemeyer, aus der die europaweit bekannten HORNITEX-Werke wurden – ein Name, der jahrzehntelang für beschichtete Spanplatten stand und weit über Lippe hinaus einen Klang hatte, bis das Unternehmen in den 2000er Jahren spektakulär in die Insolvenz ging.
EKAWERK (Foto KI-modifiziert)
Da war das EKAWERK, das Büromöbel in Modulbauweise fertigte, deren Schreibtische aus den 50er- und 60er-Jahren heute als Design-Klassiker gehandelt werden. Und da war, am linken Rand des Luftbildes gut zu erkennen, die Möbelfabrik Theobald, die hochwertige Wohnmöbel herstellte. Diese Betriebe lagen unmittelbar am nördlichen Rand der Moorlage. Kürzere Wege zur Arbeit gab es kaum.
So gesehen hatte die Siedlung von Anfang an eine doppelte Logik: Sie gab den Haustenbeckern ein neues Dach über dem Kopf – und sie stellte der wachsenden Holzindustrie die Arbeiter vor die Werkstore. Von der einst so mächtigen Lippischen Holzindustrie ist heute kaum noch etwas übrig; die Moorlage aber steht noch.
Die Moorlage über die Jahrzehnte
Wer die Siedlung von damals kennt, erkennt die von heute kaum wieder – und erkennt sie doch sofort. Sie ist über die Jahrzehnte kräftig gewachsen und hat ihre bebaute Fläche deutlich vergrößert, aber sie ist geblieben, was sie war: ein reines Wohngebiet. Keine Kneipenmeile, keine Durchgangsstraße, keine große Umwälzung. Man wohnt hier, und das gründlich.
Auffällig ist bis heute, wie ähnlich sich die Häuser sehen – das war so gewollt, eine Siedlung aus einem Guss. Die größeren Bauten waren, soweit ich weiß, unterschiedlich große Mietshäuser; Träger war meiner Erinnerung nach ein Bauverein. Die kleineren Häuser dagegen waren typische Ein- oder Zweifamilienhäuser in privatem Besitz. Wie fest die Menschen mit ihrer Moorlage verwachsen sind, zeigt eine Zahl, die mich immer wieder beeindruckt: Noch 1989, ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Spatenstich, befanden sich 42 der 44 ursprünglichen Häuser im Besitz der Erbauer-Familien. Ein Gedenkstein erinnert an „50 Jahre Moorlage“. Man ist hier nicht einfach hingezogen. Man ist geblieben.
Was bleibt
Es ist eine merkwürdige Geschichte, wenn man sie zu Ende denkt. Eine Siedlung, geboren aus einem der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte – aus Vertreibung, Aufrüstung und dem kalten Kalkül eines Regimes, dem ein ganzes Dorf im Weg war. Und aus diesem Anfang ist über die Jahrzehnte ein Ort geworden, an dem Familien Wurzeln geschlagen und über Generationen zusammengehalten haben. Das eine hebt das andere nicht auf. Aber es gehört zusammen, und man sollte beides erzählen.
Hinterm Haus von Lebensmittel Kemper im Jahr 1960 (Foto KI-modifiziert)
Ich habe auf der Moorlage von Geburt an gelebt, ab 1954, bis Mitte 1977. Für mich war das schlicht Zuhause – die Straßen, die Nachbarn, die Kinder, meine Spielkameraden, die Wege zur Fabrik, das Moor am Rand, der Bolzplatz. Dass diesem Zuhause eine so schwere Vorgeschichte zugrunde lag, habe ich erst nach und nach begriffen. Vielleicht geht es einem mit dem eigenen Herkunftsort ja immer so: Man muss erst weggehen, um zu verstehen, was er war.
Zu den Quellen: Dieser Beitrag stützt sich auf öffentlich zugängliche Angaben zur Geschichte des Truppenübungsplatzes Senne, des Dorfes Haustenbeck und der Siedlung Moorlage sowie auf eigene Erinnerungen. Über die Moorlage und ihre Geschichte ist auch in der örtlichen Presse, etwa in der Lippischen Landeszeitung, wiederholt berichtet worden; deren Darstellungen sind hier nur sinngemäß und in eigenen Worten aufgegriffen.