
Werner Wilmes

Es beginnt, wie so oft, mit dieser Ungeduld im Bauch. Sassnitz, früher Morgen, die Fähre liegt bereit, und ich stehe mit der Kamera am Kai und weiß genau: Gleich geht es los. „Bin so gespannt” – so heißt der kleine Trailer (siehe am Ende dieses Beitrags), den ich hier gedreht habe, und ehrlich, treffender könnte kein Titel sein. Dann läuft das Schiff aus, die Küste Rügens schrumpft, ich sehe noch die weißen Kreidefelsen, und vor mir liegen drei Wochen auf einer Insel, die ich schon lange im Herzen trage. Bornholm. Kommt doch einfach mit.

Neunzig Kilometer nordöstlich von Rügen taucht sie auf, dieses beschauliche dänische Eiland vor der Südküste Schwedens. Doch das Erste, was mir bei der Einfahrt nach Rønne ins Auge springt, hat mit Beschaulichkeit wenig zu tun: gigantische Türme, die über dem Hafen aufragen. Rønne ist massiv erweitert worden, dient heute als Basis- und Installationshafen für riesige Offshore-Windparks – aktuell werden von hier aus Großprojekte in polnischen Gewässern abgewickelt. Man kann darüber denken, wie man will. Ich stehe an der Reling und finde: Es ist ein seltsames Bild, diese Stahlriesen vor der Kulisse einer Insel, die vor allem für ihren Granit und ihr Licht bekannt ist. Willkommen in der Gegenwart.
Und dann das Schöne an Dänemark. Wie schon im vergangenen November in Nordjütland habe ich mir auch hier wieder eine Ferienwohnung genommen, gut sechs Kilometer westlich von Gudhjem, im Norden der Insel. Ein Wassergrundstück, so idyllisch, dass ich am liebsten gleich die Koffer für immer ausgepackt hätte. Mach ich natürlich nicht. Dafür bin ich schließlich nicht hier. Aber erst mal umschauen, ankommen, durchatmen – das darf sein.

Ein bisschen Geografie kann nicht schaden: Mein kleines Paradies liegt im Grunde auf einem Berg. Bornholm steigt aus dem Bornholm-Becken bis zu 95 Meter empor, aus einem tiefen Graben, der vom Arkona-Becken nördlich von Rügen bis über die Nordküste Gotlands hinausreicht. Man merkt das kaum, wenn man über die sanften Hügel fährt. Aber die Insel hat Wurzeln, die tiefer gehen, als man ahnt. Dazu später mehr, denn Bornholm ist auch ein Fest für jeden, der Steine mag. Und ich mag Steine.

Die ersten Tage gehören dem Erkunden. Der Hafen von Tejn, ein paar Kilometer westlich. Gudhjem in der blauen Stunde, kurz vor vier Uhr am Morgen, wenn die Menschen noch schlafen und das Licht diese ganz eigene Ruhe hat. Oben am Helligdomsvej ein weiter Blick übers Meer, und in der Ferne blinkt ein Leuchtturm – Christiansø, gut achtzehn Kilometer draußen. Auf die kleine Inselgruppe freue ich mich schon jetzt, denn dort habe ich mir sogar eine Übernachtung gebucht. Als richtiger Inselgast, wohlgemerkt.

Am Nachmittag zieht mich der Appetit an den Hafen von Gudhjem. Räucherfisch steht bei mir seit jeher ganz oben auf der Liste der Lieblingsspeisen, und Räuchereien gibt es auf dieser Insel in nahezu jedem Ort. Ein Buffet, verschiedene Sorten, dazu Salate – und ich gestehe, bei dänischem Eis werde ich generell schwach. Die Kirche von Gudhjem, 1893 aus Granit im neuromantischen Stil erbaut, thront über dem Hang und schenkt einen wunderbaren Blick auf den Ort. Rund 730 Menschen leben hier, und Gudhjem gilt als Stadt der Kunstmaler; das Oluf-Høst-Museum erinnert an den berühmtesten unter ihnen. Schon von Weitem grüßt die weiße Windmühle hoch über der Stadt. Noch schöner aber finde ich die Melsted Stubmølle etwas außerhalb, 1830 gebaut und 1850 an die Küste gebracht. Über einem Baumstumpf drehbar, lässt sie sich mühelos in den Wind stellen – ein kluges altes Handwerk, das man ihr bis heute ansieht.
„Der frühe Vogel fängt den Wurm” – für mich eine der wertvollsten Weisheiten überhaupt, und auf dieser Reise wird sie zur täglichen Übung. Wenn unten am Strand vor der Ferienwohnung die Sonne über der Ostsee aufgeht, bin ich längst wach. Man verpasst so viel, wenn man schläft.
Rønne ist die Inselhauptstadt, knapp 14.000 Einwohner, 1277 erstmals erwähnt, 1327 zur Kaufmannsstadt erhoben. Modern und trotzdem mit dem Charme einer dänischen Kleinstadt – Fachwerk, die Kirche am Hafen, enge Gassen. Vor dem alten Posthaus hat erst tags zuvor König Frederik der Zehnte einen Kranz niedergelegt. Zu Ehren der Bornholmer, die am 7. Mai 1945 bei einem sowjetischen Luftangriff ihr Leben verloren.

Hier lohnt es sich, kurz innezuhalten, denn dahinter steckt ein Kapitel, das gern vergessen wird. Während der Rest Dänemarks am 4. Mai 1945 die Befreiung feierte, blieb Bornholm besetzt. Der deutsche Kommandant weigerte sich, vor den Russen zu kapitulieren – er wollte sich den Briten ergeben, doch die kamen nie. Am 7. und 8. Mai bombardierte die sowjetische Luftwaffe Rønne und Nexø, beide Städte wurden zu großen Teilen zerstört, jeweils rund 3.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Am 9. Mai landeten sowjetische Truppen. Und dann blieben sie. Elf Monate lang, bis zum 5. April 1946, stand diese dänische Insel unter sowjetischer Besatzung, während ganz Europa längst vom Frieden sprach. Kein Wunder, dass die Bornholmer den 5. April bis heute als ihren zweiten Befreiungstag begehen. Ein König, der einen Kranz niederlegt – das ist mehr als eine Geste. Das ist Erinnerung, die weiß, wie dünn das Eis manchmal ist.
Eine Anekdote: Ich habe dem König seinen Parkplatz weggenommen. Ganz real, ehrlich, ich schwöre. Am Tag der Kranzniederlegung war ich am frühen Morgen an Bornholms Militärmuseum am südlichem Rand von Rønne. Eifrig versuchte ich den alten Turm zu filmen, als mich ein älterer Herr in feinem diplomatischen Outfit ansprach: “Sie können hier nicht mit dem Auto stehen. Der König kommt gleich und dort ist sein Parkplatz.” Ach du Schreck, der König! Frederik der Zehnte. Und ich blockiere Dänemarks Staatsoberhaupt. Ich darf doch nicht den König behindern. Der alte Herr lachte und ich auch. Ich versprach, in drei Minuten verschwunden zu sein. Er war sehr zufrieden.” Später sah ich die Bilder vom Besuch des Königs im Fernsehen, hunderte Fähnchen und winkende Kinder am Militärmuseum.

Die Marina von Rønne dagegen ist mir vertraut auf ganz eigene Weise. Ich bin nicht zum ersten Mal hier. 1998, mit meinem Berliner Motorboot. 2012, mit einer Segel-Charteryacht. Es ist ein schönes Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, den man vom Wasser aus kennengelernt hat.
Und jetzt muss ich etwas gestehen. Ich gehe nicht in Kirchen. Ich bin nicht gläubig, gehöre keiner Konfession an – und das ist keine Position gegen irgendjemanden, das ist einfach mein Leben. Aber meine Kamera geht in Kirchen. Und ich folge ihr. Denn Kirchen erzählen mehr als nur Glauben. Sie erzählen von Menschen, von Mentalität, von dem, was einer Region wichtig war und wofür sie Steine bewegt hat.
Wenn ich die Kirchen hier mit denen vergleiche, die ich aus Deutschland kenne, dann liegt da ein grundlegender Unterschied. Drüben: Prunk, Höhe, Marmor, der Anspruch, Gott zu beeindrucken. Hier: Granit, geerdet, der Anspruch, zu überleben. Von sieben Rundkirchen in ganz Dänemark stehen allein vier auf Bornholm, erbaut zwischen 1150 und 1250, Kirche und Festung aus einem Stein. Unten beten, oben kämpfen. Jedes Jahr vor Pfingsten werden sie neu weiß gestrichen, ein alter Brauch.
Olsker im Norden ist die Elegante – mit 26 Metern die Höchste und Schlankste, mehr Turm als Kirche, auf einem Hügel, was kein Zufall war. Ny Kirke ist die Kleinste, macht aber mit Charakter wett, was ihr an Größe fehlt. Nylars gilt als die am besten erhaltene, ihre Fresken am Mittelpfeiler sind bemerkenswert vollständig, um 1165 unter König Waldemar erbaut. Und dann Østerlars: die Größte, die Älteste, die Bekannteste, um 1160 errichtet, 120.000 Besucher im Jahr – nicht schlecht für ein Dorf mit ein paar hundert Einwohnern. Sechzehn Meter Außendurchmesser, zwei Meter dicke Mauern, innen Granit, außen Granit, dazwischen Kies und Erde. Das ist keine Kirchenmauer. Das ist eine Festungsmauer, die betet. Vier Kirchen, vier Charaktere, alle weiß, alle rund, alle aus demselben Granit, der diese Insel ist. Wer so baut, will nicht beeindrucken. Der will bleiben.

Einen Morgen habe ich für die Wanderung um die Nordspitze reserviert, ab dem Parkplatz Hammerknuden bei Sandvig. Küste, Wald, das Granitplateau, und überall diese Ruhe. Am Fuß der Klippen stehen die Reste von Salomons Kapel, entstanden zu Beginn des 14. Jahrhunderts, wahrscheinlich auf Veranlassung des Erzbischofs von Lund. Damals gab es hier Heringsmärkte, und die kleine Kirche diente Fischern und Händlern als Gotteshaus. Eine Quelle, die als heilig galt, ist in Stein gefasst bis heute erhalten. Ein Trampelpfad führt hinauf zum Hammeren Fyr, und von dieser Idylle nehme ich einen Waldweg zurück – das ist was für mein Herz.
Als hätte ich nicht schon genug Steine gesehen in meinem Leben. Egal – wenn es einen interessanten gibt, den ich noch nicht kenne, bin ich auf dem Weg. Vielleicht ist ja auch nur der Weg das Ziel. Nach 700 Metern über einen herrlichen Küstenpfad, mit Schwänen unten in der Bucht, stehe ich vor der „Legehenne”, dänisch Æggehønen. Ein Findling aus jungem Granit der Sorte Vang – jung heißt hier: nur 1,4 Milliarden Jahre alt. Der Frost hat irgendwann ein Stück abgespalten. Natürlich gibt es eine Legende: Das Trollmädchen Kjestena wollte diesen Stein auf die St. Ols Kirke werfen. Nun, ihr hat wohl das Zielwasser gefehlt – sie verfehlte die Kirche um satte dreieinhalb Kilometer.

Kaum weiter treffe ich schon wieder auf ein Huhn, diesmal eines, das auf Eiern sitzt: Kyllingehønen, im Süden vom Eis abgelegt. Wobei „Insel” ohnehin nur bedingt stimmt – gut sechs Jahrtausende vor Christus lag das Ostseebecken hier trocken, erst das abtauende Eis machte den Ort zur Insel. Und damit sind wir bei dem, was Bornholm für mich zu einem geologischen Wunder macht. Am Klintebakken zieht sich eine tektonische Bruchkante von West nach Ost durch die Insel. Der Norden wurde angehoben: hier Granit, im Süden Sandstein. An einer offenen Bruchstelle stehe ich vor Nexø-Sandstein, gerade mal 570 Millionen Jahre jung, und wenige Meter darüber vor Granit, der 1,7 Milliarden Jahre auf dem Buckel hat. Eine Differenz von 1.200 Millionen Jahren, sichtbar auf der Fläche eines Fußballfeldes. Da wird einem still.
Der Regen scheint zu schwächeln, also raus. Entlang der Westküste nördlich von Rønne liegt ein geradezu verträumter Strandabschnitt mit kleinen Fischerhütten, hinter dem Küstenwäldchen der ruhige Ort Sorthat-Muleby und ein paar idyllische Seen. Manchmal findet man einen Klassiker auch einfach am Straßenrand: „Oh”, denke ich, „was für Bastler, da kann man doch sicher noch was draus machen.” Dann sehe ich, was drinsteckt. Hmm. Eher etwas für einen Bestatter. Ein Witzbold hat ein Skelett auf dem Beifahrersitz platziert.

In Helligpeder und im kleinen Teglkås Havn kann man erahnen, wie Bornholm vor hundert Jahren ausgesehen hat. Teglkås war schon um 1700 bekannt, in den 1930ern lebten hier noch rund zwanzig Herings- und Kabeljau-Fischer, die beiden Räuchereien liefen bis in die 1960er. Weiter geht es zur Felsformation Jons Kapel, benannt nach einem Eremiten, der die Höhlen unter den 41 Meter hohen Klippen bewohnt haben soll, und zum Ringebakkerne-Steinbruch, bis 1970 von der Steinindustrie genutzt, heute eine einzigartige Kulisse für Fotografen und Naturliebhaber.
Und dann möchte ich euch entführen – in die Karibik. Na ja. Genauer gesagt in den Südosten dieser Insel, an den Strand meiner Träume. Paradiesisches Bornholm. Für diesen Moment habe ich einen Song getextet, der ein bisschen persönlich daherkommt, „Tage im Mai”. Es geht darin um ein Kind aus den fünfziger Jahren, das ein Phone mit dem Foto seines Vaters in der Hand hält. Und der Vater hat eine Kamera in der Hand. Der Junge, der ich bin, hat viel gesehen hat und sich oft fragt, wie lange uns das alles noch bleibt. Um eine Kamera, die wie ein enger Freund ist. Um eine Welt im Umbruch – und um diese stille Pracht mitten im Meer, die etwas mit einem macht. Den Song gibt es auch als eigene Auskopplung; er ist, zusammen mit „Danke Bornholm”, Teil einer kleinen Trilogie. Drei Minuten von mir, für euch (siehe unten am Ende dieses Beitrags).

Weiter südöstlich liegt Dueodde, der Taubenort. In der Saison ein Touristenmagnet, aber auch eine ungewöhnliche Naturlandschaft mit bis zu zwölf Meter hohen Dünen. Der Dueodde Fyr ist mit 47 Metern der höchste Leuchtturm Dänemarks, Anfang der 1960er auf einem Fundament aus Stahlbeton mit 14 Meter tiefen Pfählen in den Sand gesetzt. 196 Stufen – und schon hat man einen grandiosen Ausblick. Und weil es hier so aussieht, wie in der Karibik, hörst du im Video die Melodie von „Tage im Mai“ in einer instrumentalen Fassung mit Steel-Drums.
In der Mitte der Insel liegt das große Wald- und Erholungsgebiet Almindingen, ein Paradies für Wanderer und Radfahrer. Drei Orte zeige ich davon. Die ehemalige königliche Befestigung Lilleborg aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, von der nur noch eine Ruine übrig ist, mit dem Borresø zu ihren Füßen, das die Festung einst ganz umgab. Und dann das Ekkodalen. Anders als die große Bruchkante ist dieses Tal sein eigenes, kleines Wunder – entstanden durch Spannungsrisse im Granit, die das Eiszeitwasser später zur Schlucht geformt hat. Zwölf Kilometer lang, sechzig Meter breit, mit senkrechten Felswänden, so glatt, dass sie den Schall zurückwerfen. Daher der Name: Echotal. Ruft hier laut – und Bornholm antwortet.

Spannend wird es im 200 Hektar großen Bisonwald, wo zehn Tiere leben. Ich bewege mich vorsichtig, die Augen suchen den Wald ab. Nun, man kann nicht immer Glück haben. Immerhin gibt es eine Sitzgelegenheit – eine königliche, wohlgemerkt.
Hasle an der Westküste nennen viele das authentische Bornholm. Gut 1.600 Menschen, ein schöner Hafen, und südlich davon die Hasle Røgeri, eine Räucherei mit über hundertjähriger Tradition. Besonders am Abend hat es mir Hasle angetan, wenn die tief stehende Sonne auf den Hafen fällt.

Über allem aber steht Hammershus. Ich starte gern kurz nach Sonnenaufgang vom kleinen Hafen Hammerhavn, an den Sheltern vorbei, die Küste entlang und dann bergauf. Die Geschichte der Burg reicht ins 13. Jahrhundert zurück, ein ewiges Ringen zwischen Erzbischöfen und dänischen Königen; 1521 eroberte sie kurz die Lübecker Hanse. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Hammershus aufgegeben, 1822 die stark beschädigte Ruine unter Denkmalschutz gestellt. Das Licht kommt morgens von Osten – und viele Stunden später legt sich die Abendsonne über dieselbe Küste. Für einen Fotografen ist das ein Geschenk: dieselbe Ruine, zwei Gesichter, und wenn der Himmel mitspielt, am Ende sogar Sterne über altem Gemäuer.
Bornholm lässt einen mit den Steinen nicht in Ruhe, und das ist auch gut so. Im Wald von Paradisbakkerne soll ein 35-Tonnen-Findling liegen, den man zum Wackeln bringen kann. Ich bin gespannt – hatte allerdings noch kein Frühstück. Am Ende ist es vielleicht besser, diesen Klumpen ruhen zu lassen. Vier Kilometer westlich von Gudhjem türmen sich bei Helligdomsklipperne bis zu 22 Meter hohe Felsen aus scharfkantigem Granit zu einer wild-schönen Szenerie; der Name geht aufs Mittelalter zurück, als hier eine heilige Quelle Pilger anzog.
Der König unter den Findlingen aber ist Elverhøj im Trollwald Troldeskoven. Sechseinhalb Meter hoch, geschätzte 430 Tonnen schwer – das entspricht dem Startgewicht einer voll beladenen 747, dem Jumbo Jet. Vor 6.000 Jahren war er sogar besiedelt; unter ihm hat man eine Höhle entdeckt. Ein Monster-Kiesel in einem mystischen Wald, mehr Kulisse geht kaum. Dazu das reizvolle Spaltental des Flusses Kobbeå, der stille Gamle Dam, der grandiose Blick über Opalsøen und Hammersø bis hin zur Festung Hammershus am Horizont, und schließlich das Grabenbruchtal Ravnedal. Ich weiß, ich weiß – schon wieder Steine. Aber wo sonst erzählt einem die Erde so offen von sich selbst?

Ein Höhepunkt der Reise war die Fahrt hinaus nach Ertholmene, auf Deutsch: Erbseninseln, zum östlichsten Punkt Dänemarks. Die „Ertholm” bringt die Ausflügler in knapp 55 Minuten über die zehn Seemeilen; sie ist nicht nur Touristentransporter, sondern auch Inselversorger. Der Anleger liegt auf Christiansø, der größten Insel des kleinen Archipels, daneben das ebenfalls bewohnte Frederiksø und das Vogelfelseneiland Græsholm.
Ich wollte diesen Ort nicht im Vorbeigehen sehen, sondern in Ruhe, abseits des Tagestourismus – also habe ich mir im gelben Gasthaus vor dem Leuchtturm ein Zimmer reserviert. Mauern, Kanonen, Schießscharten überall: 1684 ließ König Christian der Fünfte die Inseln zur Festung für die dänische Flotte ausbauen, davor dienten sie Bornholmer Fischern als Herbstquartier für die Heringsfischerei. Erst 1855 wurde die Festung aufgehoben, doch dem Verteidigungsministerium unterstehen die Inseln bis heute. Und ja, einkaufen können die rund 90 Einwohner auch – im Købmandshandel. Und wenn’s Ärger gibt, ist die Polizei gleich nebenan.

Am nächsten Morgen habe ich mich als Tierfilmer ausprobiert. Eiderenten hatte ich noch nie vor der Kamera, und es hat mich nicht mehr losgelassen. Mit dem Tele bekomme ich sogar die Trottellummen auf Græsholm ins Bild – gute 300 Meter entfernt. Dann, zu meiner Freude, die Kegelrobben dieses Archipels auf den Felsen. Für mich Gänsehaut pur. Und die Krönung: Habt ihr schon mal eine Kegelrobbe gesehen, die Luftgitarre spielt? Manche Momente kann man sich nicht ausdenken.
Nexø, kurz nach vier Uhr fünfzehn. Die Stadt und der Hafen schlafen noch, während ich die frische Morgenluft genieße. Dieser Hafen dient überwiegend der Fischerei und beherbergt die größte Fangflotte Bornholms. Eine Yacht macht sich klar zum Auslaufen, und ich verfolge sie von einem Hochsitz aus über dem Meer – und denke nach. Meine Drohne darf nicht fliegen, der Luftraum ist gesperrt, eine ganze Woche lang. Draußen liegt ein Kriegsschiff. Ein Manöver. Ja, wir leben in bewegten Zeiten.
Es ist seltsam, wie sich hier alles verknüpft. Der zweitgrößte Ort der Insel zeigt auffallend wenige alte Häuser – Folge derselben Bombardierung, von der ich schon in Rønne erzählt habe. Beim Wiederaufbau schenkte das einst verfeindete Schweden den Bornholmern rund 300 Holzhäuser, die „Svenskehusene”, die noch heute bewohnt sind. Die spätgotische Kirche wurde schwer beschädigt und 1946 wieder aufgebaut. Achtzig Jahre später sehe ich vor derselben Küste ein Kriegsschiff. Geschichte, so scheint es, ist auf dieser kleinen Insel nie ganz Vergangenheit.

Und dann kommt der Abschied. Zum Schluss noch etwas Romantik: bei Louisenlund stehen rund fünfzig Bautasteine aus der älteren Eisenzeit, genauer erforscht sind sie nicht; König Frederik der Siebte kaufte das Areal Mitte des 19. Jahrhunderts und benannte es nach seiner Frau Louise. Ein guter Ort, um Abschied zu nehmen.
Die Fähre bringt mich wieder heim, der Kopf voller Bilder, der Akku leer, die Karten voll. Die Werkstatt war auf Reisen, und im Auto liegt sie verstaut – voller Schätze. „Danke Bornholm”, so heißt mein Schluss-Song, und so meine ich es auch. Drei Wochen lang habe ich alles eingefangen. Das Licht war unbezahlbar. Die Insel bleibt, ich werde gehen – aber Bornholm bleibt in mir. Und in meinen Filmen.
Die ganze Reise gibt es als Film: die Dokumentation „Bornholm – Tage im Mai” (58 Minuten), dazu der Trailer „Bin so gespannt” und die beiden Songs „Tage im Mai” und „Danke Bornholm”. Wer die Bilder lieber in Ruhe betrachten möchte, findet in meinem Album „Bornholm” eine Auswahl von 76 Fotos, die dem Verlauf der Reise folgen.