
Das Luftbild stammt aus dem Jahr 1955. Ich befand mich zu dem Punkt in meinem ersten Lebensjahr. Zunächst möchte ich den Blick kurz auf die Zeit davor lenken. Es gibt dazu auch einen ausführlichen Blog-Beitrag, der ganz unter auf dieser Seite verlinkt ist.
Die Moorlage war vor mir da
Ein ruhiges Wohngebiet am Rand von Horn: rote Dächer, Gärten, dahinter das Moor. Man sieht der Moorlage nicht an, wie sie entstanden ist. Ihr Ursprung liegt in einem dunklen Kapitel. In der NS-Zeit wurde der Truppenübungsplatz Senne massiv erweitert, und das kleine Dorf Haustenbeck lag mittendrin im Weg. 1938 fiel der Beschluss, das ganze Dorf aufzukaufen; bis Ende 1939 war es fast vollständig geräumt. Ganze Familien mussten ihre Heimat verlassen.
Ein großer Teil der Haustenbecker zog nach Horn – auch deshalb, weil die dortige Holzindustrie, allen voran die Firma Künnemeyer (später HORNITEX), Arbeitskräfte suchte. Für die Umgesiedelten entstand ab 1939 zwischen dem Baugebiet und dem Bad Meinberger Moor die Siedlung Moorlage, seinerzeit der größte Siedlungsbau in ganz Lippe: 31 Einfamilien- und 13 Zweifamilienhäuser nach einheitlichen Haustypen, geplant vom Kreisbauamt Detmold.
Am 20. Mai 1939 wurde Richtfest gefeiert, unter den Flaggen der Zeit. Der eigentliche Umzug war für November 1939 vorgesehen – dann kam der Krieg dazwischen.


Aus einem Ort, geboren aus Vertreibung und Aufrüstung, wurde über die Jahrzehnte eine feste Heimat: Noch 1989 befanden sich 42 der 44 Häuser im Besitz der Erbauer-Familien. Die Moorlage ist seither kräftig gewachsen, aber ein reines Wohngebiet geblieben.
Meine Moorlage ab Oktober 1954
Die Geschichte der Haustenbecker habe ich erst viel später begriffen. Zunächst kannte ich als Kind nur meine engere Umgebung. Ich wohnte mit meinen Eltern im Haus der Familie Kemper ganz oben in der Dachgeschoßwohnung. Kempers hatten ein Lebensmittelgeschäft im Erdgeschoss. Supermärkte gab es keine, weder in Horn, noch auf der Moorlage.


Hier steht ich hinter dem Haus, kurz bevor wir 1960 umgezogen sind. Außer an den Kemper-Laden erinnere ich mich nur an das Milchgeschäft von Ebbert in der Ostlandstraße, das später von einer italienischen Familie geführt wurde. Meine Mutter schickte mich mit der Milchkanne, doch ich konnte nicht bezahlen, weil ich kein Geld dabei hatte. Als ich mit der unbezahlten Milch wieder zu Hause ankam, lachte meine Mutter laut los. Sie hatte das abgezählte Münzgeld in die Kanne gelegt und der Italiener hat dann mit dem großen Pumpschwängel die Milch über das Geld gegossen. Meine Mutter löste das Problem durch zweifaches Umkippen der Milch, so dass ich mit den Münzen in der Hand nochmal in die Ostlandstraße spazieren durfte.

Meine Spielkameradin war Helga, die gegenüber wohnte. Und Legosteine hatte sie auch. So haben wir dieses schicke Wohnhaus bei ihr am Esstisch gebaut.

Später hatte ich ein Kasperle-Theater. Auf der ganzen Moorlage verteilte ich Eintrittskarten für meine Vorführung, die einmal in der Woche statt fand.
Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir in das neu gebaute Wohn- und Geschäftshaus von Friedrich Mehrmann und seiner Familie. Er und seine Frau Gerda führten ein sehr gut laufendes Friseurgeschäft, das auch viele Kunden außerhalb der Moorlage motivierte, regelmäßig hierher zu kommen. Sie hatten auch einen Sohn. Dirk war viel jünger, aber wir haben uns gut verstanden. Leider ist 2024 viel zu jung verstorben, was mich sehr traurig gemacht hat.

Wir wohnten in der obersten Wohnung im Haus Mehrmann und hatten nun viel mehr Platz und ich ein großes Kinderzimmer. Bald hatten wir den ersten Fernseher und zu Weihnachten begann dann mit dieser kleinen Erstausstattung der Bau einer Modellbahnanlage.


Mehrmanns waren Haustenbecker. Ich lernte viele Menschen kennen, die früher in der Senne gewohnt haben. Sie haben eine Tradition mitgebracht, die auf der Moorlage in vielen Häusern gepflegt wurde, die Hausschlachtung. Einmal im Jahr war Mehrmanns Keller voll, denn dort konnten die Würste reifen. Meine Mutter hatte nicht nur stets einen Garten, zweitweise sogar zwei davon. So gesellte sich zu den Würsten noch viel „Eingemachtes“, also eingekochtes Obst und Gemüse. Diese Qualität von damals, so finde ich, ist heute unerreicht und nirgendwo mehr zu bekommen.

Ab meinem achten Lebensjahr kam die Fußball-Leidenschaft in mein Leben. Noch bevor ich Mitglied beim TuS Horn wurde, fand ich nahezu jeden Tag Mitstreiter auf einem kleinen Bolzplatz ganz unten in unserer Straße. Der Platz war uneben und hatte nur ein Tor und befand sich dort unten hinter dem alten Haus jenseits der große Buschhecke.

Als ich meinen 18. Geburtstag feierte, hatte ich bereits seit mehreren Monaten einen Autoführerschein und der NSU TT war auch schon gekauft. Das orange Ding habe ich über alles geliebt. Mit zur Kühlung aufgestellter Heckmotorhaube bin ich durch ganz Lippe gebrettert. Von einem Vergaserbrand, den viele mit diesem ultraschnellen Auto erlebt haben, bis ich verschont geblieben.
Mein Vater, der Mitte 1970 starb, war Werksleiter im Ekawerk. Darüber kann ich auch noch etwas erzählen.
Das EKAWERK – Büromöbel aus Horn
Wenn heute in Berlin, Zürich oder auf dem Pariser Flohmarkt ein schlichter Schreibtisch den Besitzer wechselt – konische, leicht ausgestellte Beine, eine glatte Resopal-Platte –, dann steht auf dem kleinen Schild am Schlüssel oft nur: „EKA-Werk, Horn-Lippe“. Kaum jemand, der ihn kauft, weiß, wo dieses Horn eigentlich liegt. Für mich lag es vor der Haustür.

Das EKAWERK – mal EKA-Werk, mal EKA-Werke geschrieben – gehörte zu den Betrieben, die Horn zu einem Zentrum der Lippischen Holzindustrie machten. Es fertigte Büromöbel: Schreibtische, Aktenschränke, ganze Programme, die man nach dem Baukastenprinzip zusammenstellen konnte. „Das völlig neue Programm“ hieß es noch um 1970 selbstbewusst auf den Prospekten. Die Möbel waren typische Kinder ihrer Zeit – klare Formen, helle Furniere, dazu die pflegeleichten Kunststoffoberflächen der Wirtschaftswunderjahre. Ein Detail verrät, wie eng in Horn alles zusammenhing: Als Schreibflächen dienten unter anderem beschichtete Platten von HORNITEX – also vom Nachbarn Künnemeyer, gleich um die Ecke. Die eine Horner Fabrik lieferte der anderen zu.
In den 1950er- und 1960er-Jahren hatte das EKAWERK seine große Zeit; es warb sogar in überregionalen Zeitschriften wie dem „Kosmos“. Heute ist der Name vor allem Sammlern von Mid-Century-Möbeln ein Begriff: Die Schreibtische aus Horn werden gehandelt, restauriert und geschätzt, in Deutschland wie im Ausland. Die Fabrik selbst ist längst Geschichte, wie so vieles aus der einst mächtigen Lippischen Holzindustrie. Aber ihre Möbel stehen noch – in Büros, in Wohnungen, in den Vitrinen der Liebhaber. Ich erinnere mich an Modellkürzel wie „B 94″, „S 75″, „L 83″

Es macht mich ein bisschen stolz, denn mein Vater war einer der Leute, die diese revolutionären und wunderbaren Möbel erschaffen haben. Als er nach der Prüfung in Detmold den REFA-Schein in der Tasche hatte, wurde er im Ekawerk Werksleiter in der linken der beiden Hallen. Leider war das eine anstrengende Zeit. Die deutschen Aufbaujahre waren mit viel Stress verbunden. Gesundheitlich hat mein Vater das nicht überstanden und starb 1970 an einem Herzinfarkt. Mich macht dieser Umstand noch mehr stolz und glücklich, weil mein Vater einer von denen war, die diese Möbel gebaut haben.
Ich habe sogar einen großen Ekawerk-Schreibtisch und diverse Büromöbel im gemieteten Möbelwagen mitgenommen, als ich 1977 nach Berlin „ausgewandert“ bin. Die dunkel in Mahagonioptik furnierten Möbel waren für mich wie Wohnmöbel, chic genug und strahlten für mich den richtigen Zeitgeist aus. Sie haben mir noch viele Jahre treue Dienste geleistet.
Das Ekawerk war ebenso wie Hornitex-Künnemeyer und Theobald gefühlt Teil der Moorlage, auch wenn das Werk auf der anderen Seite der Bahnschranken lag. Mein Vater hatte stets fünf Minuten Fußweg zu „seinem“ Betrieb.