Als Mitte bezeichne ich in diesen Galerien die Comarcas (Landkreise) Marina Baixa, Comtat, Alicantí, Alcoiá, Alt Vinalopó, Vinalopó Mitjá. Die Betrachtung Mitte schließt die Küste auf dieser Breite im Osten mit ein.
Provincia Alicante: Von der Küste ins bergige Herz – Land und Leute zwischen Felsen, Dörfern und Tälern
Zwischen dem azurblauen Mittelmeer im Osten und den weiten Hochebenen im Westen erstreckt sich das landschaftlich und kulturell abwechslungsreiche Herz der Provincia Alicante. Es ist die traumhaft schöne Landschaft, in der ich seit über zwanzig Jahren lebe. Diese Region – die ich in meiner Galerie als „Mitte“ beschreibe – umfasst die Comarcas Marina Baixa, Comtat, L’Alacantí, L’Alcoià, Alt Vinalopó und Vinalopó Mitjà und verbindet die mediterrane Küste mit rauem Hinterland, uralten Pfaden und lebendigen, geschichtsträchtigen Orten. Vom Meer bis zu den Gipfeln der Aitana ist es nicht weit, doch dieser kurze Übergang birgt eine Welt voller Vielfalt an Topografie, Geschichte, Jahrhunderte alten Traditionen und Menschen mit starkem Bezug zu ihrem Land. Natürlich gibt es auch hier einen Wandel hin zu mehr touristischen Angeboten.
1. Die bergige Costa – Marina Baixa
Am östlichen Rand des Gebiets trifft das Gebirge früh auf das Meer: In Marina Baixa beginnen die Berghänge noch nahe der Küste. Die Sierra de Aitana ragt als mächtiger Kalkmassivkern bis 1.558 m empor – der höchste Punkt der Provinz und ein dominierender Blickfang auch für Landschaftsfotografien, die vom mediterranen Licht durchzogen sind.
Das Relief schafft steile Schluchten, enge Täler und weit verzweigte Trails, die in jedem Jahresverlauf einen anderen Charakter zeigen: im Frühling saftig grün, im Sommer voller wilder Kräuter und im Winter mit schneebedeckten Höhenzügen. Diese abrupten Übergänge zwischen Meer und Berg prägen nicht nur das Landschaftsbild, sondern auch das Leben der Menschen. Die Ortschaften hier wirken verwoben mit ihrem Terrain – Terrassenackerbau, Olivenhaine und Mandelgärten kleiden die Hänge, und lokale Feste, oft religiös geprägt, verbinden sich mit der Natur und ihren Zyklen.
Dörfer wie Callosa d’en Sarrià oder Confrides liegen zwischen zerklüfteten Felsen und schmalen Bewässerungskanälen aus der maurischen Zeit. In solchen Orten scheint die Zeit langsamer zu vergehen und die Solidarität unter den Bewohnern ist Bestandteil des täglichen Lebens. Die älteren Generationen bewahren Hieroglyphen aus der Vergangenheit in ihren Traditionen und im lokalen Dialekt. In deinen Bildern lässt sich dies an architektonischen Details, Werksteinen und verwitterten Mauern ablesen.
2. Übergangszonen: L’Alcoià und Comtat – Zwischen Tälern und Höhen
Westlich der Marina Baixa erweitert sich das Gebirge zu einer Landschaft, die von Hochebenen, tief eingeschnittenen Tälern und zerklüfteten Passagen durchzogen ist. Die Comarcas L’Alcoià und Comtat liegen hier in einem Netz von Pfaden, die seit Jahrhunderten von Hirten, Händlern und Pilgern genutzt werden. Doppelzüge aus Canyons und Hochflächen wirken im Lichtspiel von Sonne und Schatten besonders fotogen.
Die Natur hier zeigt große Kontraste: L’Alcoià bietet tiefere Schluchten und eine größere Diversität an Pflanzen aufgrund unterschiedlicher Höhenlagen, Comtat liegt eingebettet zwischen Bergrücken und offenen Hochebenen. Wasserquellen, kleine Flüsse und natürliche Spalten bilden wertvolle Lebensadern, die seit jeher Siedlungen wie Cocentaina, Castalla oder Muro de Alcoy umgeben. Hier machst du Fotos, die du dir später gerne an die Wand hängst.
Die Menschen dieser Gebiete verbinden bäuerliches Wissen mit handwerklicher Tradition. Die alte Industriegeschichte der Region – Webereien, Lederverarbeitung, Steinmetzkunst – prägt Orte wie Cocentaina bis heute. Jahrhundertealte Feste wie die „Moros y Cristianos“ erinnern an wechselvolle Zeiten und sind tief in der lokalen Identität verwurzelt. Diese Rituale zeigen sich nicht nur in den Kostümen, sondern in den Straßen, in den Gesichtern und im sozialen Gefüge der Gemeinden.
3. Landläufiger Lebensrhythmus: L’Alacantí – Brücke zur Ebene
Zwischen den gebirgigen Komplexen und den offenen Talmulden liegt L’Alacantí – eine Art Übergangszone zwischen Hochland und Küste. Während Teile dieser Comarca in die mediterrane Tiefebene übergehen, sind andere Bereiche von sanftem Hügelland geprägt, das schon immer agrarisch genutzt wurde.
Kirchhöfe, Marktplätze und kleine Feste bilden den sozialen Mittelpunkt vieler Orte. Die Menschen hier pflegen noch handwerkliche Traditionen wie Keramik, Korbflechten oder Trachtenherstellung – Ausdruck eines regionalen Stolzes. Gleichzeitig sind sie offen gegenüber Neuem, was sich in modernen kulturellen Initiativen und urbanen Räumen zeigt.
4. Hochplateaus und Weinberge: Alt Vinalopó und Vinalopó Mitjà
Weiter westlich öffnen sich die Täler der Alt Vinalopó und des Vinalopó Mitjà. Diese Landschaften wirken offener und weiter als die zerklüfteten Gebiete östlich davon: breite Täler, sanfte Hügel und ausgedehnte Agrarflächen wechseln sich ab.
Hier ist das Klima trockener und die Böden kalkreich: ideale Bedingungen für den Weinbau, der eine jahrhundertealte Tradition besitzt. Der Rotwein aus der Rebsorte Monastrell ist ein kulturelles und wirtschaftliches Symbol der Region – seine Aromen drücken das sonnendurchflutete Terroir und die harte Arbeit der Winzer aus, die alte Rebfelder hegen und pflegen. Der Wein aus dieser Gegend hat einen sehr guten Ruf.
Städte wie Elda, Novelda, Monóvar und Villena sind Zentrum dieser Wein- und Agrarkultur. Ihre mittelalterlichen Altstädte, Burgen und historischen Denkmäler stehen im Kontrast zu den weitläufigen Feldern, die sich im Sommer goldgelb unter der Sonne ausbreiten. Villena verfügt über eine beeindruckende Burganlage, die über dem Tal thront und ein Wahrzeichen der Verbindung von Landschaft und historischer Bedeutung ist.
Kommen wir nun zu sehr interessanten Orten an der Küste und in Küstennähe.
6. Illeta dels Banyets (El Campello)
Die Illeta dels Banyets ist eine kleine Felsenhalbinsel, die wie ein offenes Geschichtsbuch in das Mittelmeer ragt. Archäologische Spuren aus iberischer, römischer und islamischer Zeit liegen dicht beieinander: alte Fischzuchtbecken, Salzbecken und Fundamente von Häusern erzählen von einem Ort, der seit Jahrtausenden vom Meer lebt. Heute wirkt die Illeta fast still und kontemplativ – ein Ort, an dem Wind, Salzluft und Wellen das Gefühl vermitteln, dass Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen.
7. Fuentes del Algar – Wasserfälle im Hinterland
Die Fuentes del Algar bilden einen überraschend üppigen Kontrast zur oft trockenen Mittelmeerlandschaft. Zwischen Kalkfelsen fließt türkisfarbenes Wasser in natürlichen Becken und kleinen Kaskaden, begleitet von üppiger Vegetation und kühler Luft. Dieser Ort wirkt wie eine grüne Oase im Gebirge der Marina Baixa und zeigt, wie stark Wasser das Leben in dieser Region prägt – als seltene Ressource, als Treffpunkt und als Sommerzuflucht. Tipp: Besuche den Ort in der Hochsaison nicht am Wochenende und vielleicht besser morgens, denn touristisch sind die Wasserfälle ein Hotspot.
8. El Castell de Guadalest
Hoch über einem smaragdgrünen Stausee thront El Castell de Guadalest wie eine Festung aus einer anderen Zeit. Das Dorf scheint an den Felsen zu kleben, mit engen Gassen, steinernen Häusern und spektakulären Ausblicken über das Tal. Guadalest steht exemplarisch für die dramatische Verbindung von Landschaft und Geschichte: Verteidigungsarchitektur, Bergwelt und menschliche Siedlung verschmelzen zu einem ikonischen Panorama. Ideal ist der Besuch zur Zeit der Mandelblüte Mitte Februar.
9. Villajoyosa
Villajoyosa fällt sofort durch seine farbenfrohen Häuser entlang der Küste auf. Einst dienten die leuchtenden Fassaden den Fischern als Orientierung vom Meer aus, heute prägen sie das Bild einer lebendigen Küstenstadt mit starkem maritimen Charakter. Zwischen Strand, Altstadt und Hafen verbindet sich hier mediterrane Lebensfreude mit jahrhundertealter Tradition der Fischerei und Schokoladenproduktion. Und es gibt ein Schokoladenmuseum.
10. Calpe und der Peñón de Ifach
Calpe wird vom gewaltigen Kalkfelsen des Peñón de Ifach dominiert, der wie ein Naturmonument aus dem Meer aufragt. Der Felsen ist Wahrzeichen und Orientierungspunkt zugleich – für Seefahrer, Wanderer und Fotografen. Rund um den Peñón verbinden sich alte Salinen, Fischerhafen, Altstadt und moderne Strandpromenade zu einem Ort, an dem Natur und touristisches Leben dicht nebeneinander existieren.
11. Menschen und Lebensweisen – Zwischen Tradition und Moderne
Die gesamte Region zeichnet sich durch tiefe lokale Verwurzelung und historisch gewachsene Gemeinschaften aus. In den Dörfern pflegen Familien alte landwirtschaftliche Techniken, wahren traditionelle Feste und erzählen Geschichten von Generation zu Generation. Gleichzeitig stehen viele Gemeinden im Spannungsfeld zwischen Erhalt dieser Traditionen und dem Wandel durch moderne Mobilität, Urbanisierung und wirtschaftliche Herausforderungen.
Die Menschen sind stolz auf ihr Erbe – sei es die Baukunst ihrer Kirchen und Festungsanlagen, ihre einzigartigen regionalen Produkte wie Wein und Olivenöl, oder das lebendige kulturelle Gedächtnis, das in Straßenzügen und auf Festplätzen weiterlebt.
Die Landschaft selbst ist ein stiller, aber mächtiger Protagonist. Sie setzt den Rahmen für menschliches Leben: steile Felsen, große Horizontlinien und wechselnde Licht- und Wetterstimmungen bestimmen jeden Blick, jedes Dorf, jeden Feldweg. Der Wechsel von Meer zu Berg, von Hochebene zu Tal lässt sich nicht nur geografisch, sondern auch als Sinnbild für die kulturelle Vielfalt der Region lesen.
Schlussbemerkung
Die Mitte der Provincia Alicante ist ein Gefüge aus Natur, Geschichte, Gemeinschaft und Handwerk, ein Übergangsraum von der mediterranen Küste zu den offenen Innenlandschaften Spaniens. Diese Region lädt ein, den Blick über Berge, Täler und jahrhundertealte Orte schweifen zu lassen, in denen Menschen und Landschaft miteinander verwoben sind. Besonders für mich mit der Fotokamera wird diese Schönheit visuell erlebbar: ein echohaftes Wechselspiel aus Licht, Stein, Wasser, Erde und Leben.
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