
Werner Wilmes

Das Erlebte festhalten – Ein langer Weg
Menschen üben sich schon seit Urzeiten darin, ihre Welt abzubilden. Sie haben Motive in Felsen gehauen, gemeißelt oder gemalt und ihre Techniken stets verbessert und verfeinert. Kupferstiche entstanden, die erstaunlich detailreiche Bilder ermöglichten. Die Malerei entwickelte sich und zeigt seit Jahrhunderten sogar in feinsten und langlebigen Ölfarben, was der Planet zu bieten hat. Irgendwann wurde dann die Fotografie erfunden, deren Bilder später sogar das Laufen lernen sollten.
Mittels Foto oder Film dokumentiert der Mensch seitdem alles, was ihm vor die Augen kommt, hält Momente fest oder erzählt Geschichten. Die Spezies auf zwei Beinen streitet sich sogar, welches das beste Mittel ist, Abbildungen zu schaffen. Es waren analoge Schöpfungen, bis dann das Zeitalter der Digitalisierung begann. Der Zoff wurde gleich mit programmiert. Puristen und die Qualen der Moderne, sie trafen aufeinander.
Man staunt, wie schnell das alles ging und müsste heute schon große Mühe auf sich nehmen, wollte man versuchen einen analogen Film zu kaufen, um dann abzulichten, was einem festzuhalten wert erscheint.
Es ist eine Weltanschauung, egal wie man etwas festhält und mit welchen Mitteln. Die Welt anschauen, den Blick fixieren und das Resultat anderen Menschen zeigen.
Mein Weg in Sachen Film- und Fotografie
Nun kann ich euch einige Absätze Autobiografisches nicht ersparen.
Als junger Mensch stand ich irgendwie auf Kriegsfuß mit der Fotografie. Es war für mich schlichtweg unbefriedigend, was die alte Spiegelreflex meines Vaters festhielt. Und es war viel zu teuer. Es gab Mitschüler, die entwickelten selbst. Mir fehlte der Wille, den Weg zu gehen und wenn ich fotografierte, wartete ich stets drei Wochen, bis Post vom Versandhaus kam, von Foto-Quelle. Warum viele Bilder so schrecklich aussahen, entzog sich meiner Kenntnis. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, welche Einstellungen ich gewählt hatte. Iso, Blende, Verschlusszeit, ich hätte Buch führen müssen für jede einzelne Aufnahme. YouTube-Tutorials halfen mir auch nicht, denn es gab sie Ende der 1960er nicht. Kein Facebook, kein Insta oder TikTok, unfassbar öde war die Zeit, gruselig. Kann sich das überhaupt jemand vorstellen, in welcher Welt wir damals leben mussten? Es gab nicht mal einen Kaffee to go. Ihr könnt mich jetzt bedauern, was keinen Sinn macht, denn die Zeit damals war trotzdem geil.
Nun, mit Film war das Erlangen von Erkenntnisgewinnen auch nicht besser. Die Normal-8mm-Canon meines Vaters benutzte ich nur experimentell. Der Lernfortschritt war derselbe. Wenn Foto-Quelle die entwickelte Filmrolle lieferte, waren die Aufnahmebedingungen längst nicht mehr reproduzierbar. Das Ding mit dem Federlaufwerk lag dann für ewige Zeiten im Schrank.
Die 1980er – Alles analog, oder was?
Ok, machen wir einen Zeitsprung. Video wurde erfunden. 1982 hielt ich meine erste Kamera in der Hand, von Panasonic. Ein Henkelmann, eine große Videokamera mit einem Bügelgriff obendrauf, so wie ihn Fernsehleute auf der Schulter tragen. Für mich war das der Urknall. Ich brauchte keine YouTube-Tutorials, denn ich habe Augen im Kopf. Blitzschnell lernte ich durch Beobachtung, autodidaktisch sozusagen, warum Filme gut oder schlecht waren. Ich musste nur ins Kino gehen oder den Fernseher einschalten. Der goldene Schnitt? Die Drittel-Aufteilung? Keine Ahnung, was das war, die Begriffe kannte ich nicht. Aber ich konnte sehr wohl sehen, welche Einstellungen und Bildkompositionen gut aussahen und welche nicht. Das bewegte Bild verbunden mit Ton, das war sofort mein Ding. Ich lernte schnell, sehr schnell.
Zwei Jahre später hatte ich die erste größere Zuschauerzahl. Ich filmte einfach die Incentive-Reisen meines Arbeitgebers Allianz. Die örtliche Leitung und meine Kollegen waren sich einig. „Das ist ja wie im Fernsehen!“, war der Tenor. Ich mache es kurz, mein Schnittplatz wuchs und wurde immer teurer. Irgendwann war es so viel Geld, das in mein semiprofessionelles Hobby floss, dass ein Stopp notwendig wurde und ich es für eine geraume Zeit zugunsten der Familienentwicklung an den Nagel hängen musste. Man nennt diese Jahre analoge Zeiten in Bezug auf die Sparten Film und Fotografie. Aber, es bahnte sich etwas Neues an.

Digitales und Neuland
Und nun wieder ein Zeitsprung. Ich bitte noch um ein klein wenig Geduld, nur noch ein paar Zeilen, dann komme ich zur Neuzeit.
Ich war längst ausgewandert aus Deutschland und wohnte nun schon seit 2003 in Spanien. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich im Deutschen Bundestag zu dieser Aussage hinreißen: „Das Internet ist für uns alle Neuland!“ Diese Schlussfolgerung geboren aus einer genialen Erkenntnis heraus verbalisierte sie am 19. Juni 2013. Zu dem Zeitpunkt hatte ich an der spanischen Costa-Blanca bereits zehn Jahre Glasfaser-Internet und arbeitete bereits mehr als ein Jahrzehnt an Webseiten-Entwicklung. „Wie erstaunlich schnell die Politik doch technische Umbrüche erkennt“, dachte ich damals. Eine Beobachtung, die ich später noch als wertvolle Lebenserfahrung bezeichnen werde.
Wir schreiben das Jahr 2014. Ich hielt doch tatsächlich wieder eine eigene semiprofessionelle Videokamera in der Hand. Wieder war es ein „Henkelmann“, wie damals und wieder stand Panasonic drauf. Ich beschloss „meine Stadt“ Dénia zu portraitieren. Und für ein Storyboard machte ich nebenbei Fotos. Und dann die Überraschung, denn ich stellte die Fotos bei Facebook ins Merkels-Neuland-Internet.
„Wieder so ein Urknall“, dachte ich, als mich die Resonanz erreichte. Die „Gemeinde“ fand meine Fotos super, toll, genial oder kommentierte mit anderen Wortschöpfungen. Der steile Aufstieg meiner Fotografen-Karriere war gefühlt unaufhaltsam. In der Tat wurden meine Fotos immer besser und meine Technik auch. Schuld waren auch YouTube-Tutorials, die einen Lernfortschritt ermöglichten, der mir zuvor vergönnt war. Und da IT ohnehin „mein Ding“ war, wurde die Nachbearbeitung mittels Lightroom und Photoshop schnell professionell.
Um es kurz zu machen, ich profilierte mich nicht nur als Filmemacher, sondern auch als Fotograf. „Der Werner Wilmes macht die besten Fotos weit und breit“, schrieb Michael Allhof, ein bekannter Journalist an der Costa-Blanca, in sein Facebook und meinte damit meine Stadt- und Landschaftsfotos in der Region Provincia Alicante. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits einen YouTube-Kanal. Die Fotografie hatte bei mir ihren Zenit erreicht.
Meine Webseite
Und nun bin ich in der Neuzeit angekommen. Ich will euch etwas über meine Webseite und das Thema Fotografie und Film (Video) erzählen.
Eigentlich begann es vor kurzer Zeit ganz nüchtern. Ich wollte meine Fotos von Flickr an einen eigenen Ort holen. Etwa dreitausend Bilder waren es. Sie sollten nicht irgendwo im großen Strom fremder Plattformen verschwinden, sondern auf einer eigenen Seite liegen – auf einem Stück Internet, das mir selbst gehört. Es geschah auch aus der Erkenntnis heraus, dass die Fotografie in eine kritische Phase geglitten war, eine Folge der technischen Entwicklung.
So entstand meine Website. Am Anfang war sie nichts weiter als ein Archiv. Ein Ort, an dem Bilder gesammelt werden konnten. Öffentlich und frei zugänglich, für den Fall, dass sie jemand sehen möchte. Mehr nicht.
Doch wie das manchmal im Leben ist: Wenn man beginnt, etwas zu ordnen, beginnt man auch darüber nachzudenken. Mit der Zeit entstand um dieses Archiv herum mehr. Texte. Filme. Gedanken. Musik. Kleine Geschichten über Orte, Landschaften und Beobachtungen.
Haben Fotos heute noch einen Wert?
Und irgendwann merkte ich: Die Fotos selbst rückten immer mehr in den Hintergrund. Nicht, weil ich sie geringschätze. Fotografie hat für mich seit nun mehr zwölf Jahren einen hohen Stellenwert und ist Teil meines Lebens geworden. Und sie hat auch aktuell für mich eine essenzielle Bedeutung in meiner Arbeit als Filmemacher. Ich nenne nur den Begriff „Startframe“. Insider wissen, was ich meine. Ich werde das noch erklären. Aber die Fotografie als Genre steht auf wackeligen Füßen. Die Welt der Bilder hat sich grundlegend verändert.
Bilder sind überall. Jeder trägt eine Kamera in der Tasche. Milliarden Fotos werden täglich aufgenommen und eine gigantische Zahl davon sofort öffentlich gemacht. Und inzwischen entstehen sogar Bilder, ohne dass jemand überhaupt an einem Ort gewesen sein muss. Künstliche Intelligenz kann Landschaften erschaffen, die nie existiert haben. Kürzlich kamen die Menschen noch von einer Island-Reise und haben mit ihren Fotografien Menschen ins Staunen versetzt. Jetzt, nur kurze Zeit später erntet der Reisefan mit seinen Abbildungen oft gelangweiltes Gähnen.
In dieser Welt verliert das einzelne Foto zwangsläufig an Gewicht. Ein schönes Bild ist heute nichts Seltenes mehr.

Wichtig, aber selten – Der Blick eines Menschen
Vielleicht ist das der Grund, warum sich meine Wahrnehmung über die Jahre gehalten, aber auch intensiviert hat. Wenn ich irgendwo stehe – in den Bergen, an der Küste, in einer weiten Landschaft – sehe ich nicht mehr zuerst ein Foto. Ich sehe eine Filmsequenz. Ich sehe Wolken, die langsam über einen Bergrücken ziehen. Ich sehe Wind, der durch Grasflächen streicht. Ich sehe Licht, das sich über eine Felswand bewegt.
Und fast gleichzeitig entsteht im Kopf eine Musik. Keine fertige Melodie. Eher eine Stimmung. Eine Klangfarbe. Diesen Sound, erinnere ich mich noch gut, gab es früher zu meinen Anfangsjahren in Sachen Video auch. Aber heute ist das wesentlich präsenter, es nimmt mehr Einfluss auf mein Handeln.
Manchmal ist es ein ruhiger Klangteppich. Manchmal eine langsame Bewegung von Tönen, die mit den Wolken mitwandert. Es ist schwer zu beschreiben. Die Landschaft wirkt plötzlich wie eine Partitur. Der Wind wird zum Rhythmus. Das Licht zur Dynamik. Die Wolken zur Dramaturgie. Die Kamera kommt erst dann ins Spiel, ihre Nutzung bei der Aufzeichnung wird geleitet von meinen Ideen im Kopf, die auch von Tönen beeinflusst werden.
Sie ist nicht mehr das Werkzeug, um ein Bild einzufangen. Die Kamera ist eher ein Instrument, mit dem man Zeit beobachtet. Das Foto ist für mich oft der Anfang, ein Startframe, der eingefrorene Blick am Taupunkt.
Fotografie als Nebenprodukt
Heute ist die reine Fotografie eher ein Nebenprodukt. Tatsächlich habe ich bei meinen oft umfangreichen Dokumentarfilm-Produktionen gar keinen Sinn mehr frei, und schon gar nicht die Zeit, eine Szene, die ich filme, auch noch zu fotografieren. Da Aufzeichnungen bei mir heute 4k-Auflösung als Minimum haben und ganz überwiegend bereits in 6k und 8k erfolgen, kann ich mir die Fotos sparen. Für die Reisefotografie habe ich eine Auswahl aus 25 oder oft auch 50 hochauflösenden Fotos jede Sekunde mit hoher Bit-Tiefe, die ich nur aus dem Videomaterial speichern muss.
Fotografen winken jetzt ab, zu Recht, denn fotografieren und filmen unterscheidet sich tatsächlich stark. Eine Videosequenz ist meist nicht statisch, sondern hat ein Start- und ein Endframe. Dazwischen ist oft Bewegung, bei mir meist minimal, weich, dezent und subtil. Die Konzentration des Kameramanns richtet sich auf die Sequenz. Der Fotograf konzentriert sich sehr stark auf den Zeitpunkt der Auslösung, auf den einen Moment. Das ist der wichtige und erhebliche Unterschied. Bildkomposition machen beide, der Filmer und der Fotograf. Der Filmer hat allerdings auch noch andere Gedanken im Kopf, zum Beispiel in Bezug auf den Ton, die Akustik, die Szene davor und danach.
Der Fotograf konzentriert sich auf den Moment, den Augenblick, in dem man spürt, dass eine Landschaft etwas erzählt. Ja, das ist der Punkt. Die hohe Kunst des Fotografen liegt darin, mit seinem Foto eine Geschichte zu erzählen. Die Street-Fotografie ist ein gutes Beispiel. Ich wäre überfordert, wollte ich professionelle Film-Dokumentationen erstellen und gleichzeitig noch hochwertige Fotos. Für mich ist klar, das geht nicht zusammen.
Sie hat sich verändert und ist gewachsen – Meine Webseite
Vielleicht ist das der Grund, warum meine Website sich im Laufe der Jahre verändert hat. Sie begann als Fotoarchiv. Heute ist sie eher so etwas wie eine Werkstatt. Ein Ort, an dem Bilder, Filme, Musik und Gedanken zusammenfinden. Keine perfekte Galerie.
Eher ein offenes Notizbuch eines visuellen Beobachters. Und vielleicht ist das sogar besser so. Denn Landschaften sind keine statischen Bilder. Sie sind Bewegung, Licht, Zeit und Stimmung. Und genau das versuche ich inzwischen einzufangen.
Und nun ist noch Musik dazugekommen, genau genommen Filmmusik. Aber davon erzähle ich im zweiten Teil.