Auf dieser Seite geht es um verschiedene Fotothemen. Manchmal schreibe ich mir Gedanken auf, die vielleicht auch für andere interessant sind, die sich für das Thema Fotografie interessieren.
Wahrnehmung und Bildbearbeitung
Es geht hier um die Wahrnehmung. Und die ist sehr persönlich. Ich war mal als Zeuge vor Gericht und lernte vom Richter den Begriff „Knallzeuge“ kennen. Im Grunde wollte er sagen: „Wahrnehmung ist relativ und immer auch das, was man glaubt gesehen zu haben.“ Ich musste dann zugeben, dass ich nur den Verlauf nach dem Knall wirklich gesehen habe. Bekannt ist auch, dass das menschliche Gehirn sehr kreativ ist bei der Festlegung, was es gesehen hat oder nicht. Ich nehme immer in RAW (nahezu unbearbeitete Datei) auf, deshalb ist jedes meiner Fotos auch von mir bearbeitet, wenn ich es vorzeige. Während der Bearbeitung bin ich ganz bei mir und meiner Erinnerung, wenn ich abrufe, was ich meine gesehen zu haben. Ob dann mein fertiges Foto dergleichen Wahrnehmung, die ein anderer Mensch, der in dem Augenblick neben mir gestanden hätte entspricht, ist denkbar, aber fraglich. Mein Foto ist also meine Sicht der Dinge. Bei einem fertigen Foto „out of Cam“ (vielleicht 99% aller kursierenden Fotos) ist das Foto die Sicht des Software-Programmierers der Kamera, der auch die zur Auswahl stehenden Bildstile verantwortet. Übrigens: Bei der analogen Fotografie war der Einfluss des Entwicklers nicht unerheblich, selbst wenn er nur den Bildausschnitt bestimmt hat. Allein der verändert ein Foto in der Aussage dramatisch.
Ein Beispiel. Es gibt ein weltberühmtes Foto vom DDR-Volksaufstand 17. Juni 1953, das um die Welt ging. Zwei Männer werfen Steine auf einen sowjetischen Panzer. Ein schwarz-weiß-Foto voller Kampfdramatik. Erst viel später wurde das Originalfoto bekannt. Das Vollbild zeigt eine Szenerie mit zwei Panzern im Hintergrund und eine größere Gruppe von Zuschauern am linken Bildrand, die aus sicherer Entfernung beobachten. Der dramatische Vorgang ist derselbe. Aber auf dem Vollbild wirkt die Szene ganz anders, weil viele Menschen als unbeteiligte Zuschauer dort stehen. Mit diesem Bildausschnitt wäre das Foto nie um die Welt gegangen.
Damit will ich sagen: Bearbeitung war schon immer ein fester Bestandteil der Fotografie, die schon damals deutlich über die Festlegung des Ausschnitts hinaus ging. Und heute leben wir in einer Welt mit genialen Werkzeugen, die einem Fotografen zur Verfügung stehen.
Wenn in meinem Foto auf der Wiese eine Plastiktüte liegt, weil ich zu faul war, sie wegzuräumen, dann entferne ich sie aus „meinem“ Bild von der Wiese, weil ich möchte, dass mein Bild das zeigt, was ich gerne gesehen hätte. Ich bin also kein Musterbeispiel für einen Puristen.