29. Haspa-Marathon Hamburg 2014

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Mein Lauf:

Der rein sportliche Aspekt ist schnell erzählt. Drei Wochen vor diesem Marathon bekam ich leider eine Mandelentzündung. Der geplante
Longrun in dieser drittletzten Woche musste verschoben werden. Ich konnte erst in der vorletzen Woche vor dem Marathon wieder trainieren. Es war dann aber wohl ein Fehler, den 32-km-Longrun noch am Dienstag der Vorwoche durchzuführen. Offensichtlich ist die Regenerationszeit in meinem Alter länger als ich das gerne wahrhaben möchte. Jedenfalls lief in Hamburg bis zur Halbmarathonmarke alles nach Plan, doch dann wurden meine Beine sehr schnell sehr schwer. Bei km 25 (Alte Wöhr, 2:31) lag ich noch so einigermaßen in meiner Zielzeit, die auf 4:15 Std. ausgerichtet war. Mir war aber klar, dass ich nur unter allergrößten Schwierigkeiten das Ziel erreichen würde. Geistig schaltete ich auf reine Ankunft um. So wurde der Rest ein Mix aus Gehen und langsamen Laufen. Auf der Ziellinie waren es dann 4 Stunden 58 Minuten.

Die Organisation:

Darüber muss man nicht viel schreiben. Der Haspa-Hamburg-Marathon war perfekt organisiert. Hier stimmt alles. Die vielen, vielen Helfer haben einen ganz tollen Job gemacht. Super ist auch, dass man bei so kühlem Wetter direkt nach dem Überlaufen der Ziellinie in die Messehallen geleitet wird. Niemand muss erschöpft und frierend draußen stehen.

Der Hochgenuß:

Es ist scheinbar ein Widerspruch. Wie kann ein Lauf, bei dem man sich förmlich ins Ziel quälen muss, ein Hochgenuß sein? Er kann, und zwar in Hamburg. Die Strecke ist allein schon sehr attraktiv mit vielen, optischen Highlights. Da sind die Villen in Altona, die schöne Elbchaussee. Dann folgt der fantastische Blick auf den Hafen. Der alte Elbtunnel mit seinen historischen Bauten ist zu sehen und dann auf der linken Seite der Michel. Vorbei geht es an der Speicherstadt und dem Monstrum Elbphilharmonie. Kurz darauf geht es um die Binnenalster herum und östlich der Außenalster entlang nach Norden. Der Stadtpark ist zu sehen, Alte Wöhr, bevor es bis nach Ohlsdorf geht. Durch Eppendorf gelangt man wieder an die Alter und sieht dann bald den Fernsehturm auf dem Messegelände. Viele, viele Bäume zudem, Hamburg ist sehr, sehr grün.

  Was aber Hamburg so besonders macht, ist das Publikum. Es ist schwer mit Worten zu beschreiben, was man auf den 42,195 Kilometern alles erlebt. Die Menschen wenden sich den Läufern in einer Art und Weise zu, dass man es kaum glauben will. Viele, viele Kinderhände haben sich mir
entgegen gestreckt und ich konnte nicht zählen, wie oft ich sie abgeklatscht habe. Ein junger Mann mit Handicap im Rollstuhl hielt mir seine Hand hin. Und auf jedem Kilometer habe ich viele, viele Male meinen Namen gehört (der Vorname steht unter der Startnummer). Kein Ausspruch war wie der andere. "Werner, du siehst gut aus, ganz toll!" "Werner, das ist dein Tag." "Du schaffst es, Werner." "Werner, komm, noch sechs Kilometer." Ich könnte hier Beispiele ohne Ende folgen lassen. Noch jetzt beim Schreiben dieser Zeilen bekomme ich eine Gänsehaut. Das sind Emotionen pur. In Hamburg zu laufen, meine Güte, das hat Suchtpotenzial.

Klar, woanders trommeln sie auch und Musik wird auch geboten. Aber was die Hamburger abziehen, ist von einer Intensität und Herzlichkeit, dass mir trotz der 9° Nieselwetterlage bei teilweise unangenehm kaltem Wind warm ums Herz wurde. Die 42 Kilometer sind eine Druckbetankung des Kopfraumes mit wundervollen Erlebnissen. Fast fünf Stunden lang habe ich in nahezu ausschließlich glückliche Gesichter geschaut. In Eppendorf spielte eine Rockband auf einem Balkon, aus vielen Wohnungen entlang des Kurses drangen die unterschiedlichen Sounds, vom "Griechischen Wein" bis "Happy", alles war dabei. Bei km 34 stand ein Schild "umkehren wäre jetzt blöd". Von einigen Hochpodesten wurden Läufer über Mikro und Boxen, nachdem blitzschnell die jeweilige Startnummer in den Laptop getippt war, persönlich angefeuert, mit Vor- und Nachname und Herkunftsort, geschmückt mit aufmunternden Bemerkungen. Genial.

So angetrieben durch diese Leute konnte ich auf keinen Fall aufgeben. Ein paar Fans waren für mich ebenfalls an der Strecke. Petra sah ich am Baumwall und am S-Bahnhof Alte Wöhr, dort auch meine Tochter Svenja mit ihrem Freund Andreas. Sie hatten ein großes Schild gemalt "Lauf Werner Lauf". Svenja lief einen Moment mit mir mit. Auch am Eppendorfer Baum war sie plötzlich wieder neben mir auf der Strecke und lief ein paar hundert Meter nebenher. Petra und Andreas hatte ich zuvor in dem Gedränge übersehen, vielleicht auch auf aufgrund meiner Erschöpfung. Getragen von der fantastischen Stimmung konnte ich zum Schluss wieder zügiger laufen und brauchte auch keinen Rolator, um über die Ziellinie zu kommen. Dort war der rote Teppich ausgerollt für die Finisher. Was für ein geiles Feeling!

Mein Fazit:

Wenn du wirklich mal etwas ganz Irres erleben willst, trainiere und laufe in Hamburg einen Marathon. Es lohnt sich, auch wenn du dich ins Ziel schleppen musst. Hamburg ist DIE SPORTSTADT und sie verdient diesen Namen wegen der großen Anzahl sportbegeisterter Menschen.
 
Alles ist gerichtet. Das Hotel am Millerntor liegt sehr günstig.
Eine Viertelstunde Fußweg durch einen Abschnitt von Planten und Bloomen führt zum Start.
Noch eine Dreiviertelstunde, dann geht es los. Es ist kalt, nur 9°, Nieselregen setzt ein.
Doch der Specher erklärt: "Leute, das ist flüssiger Sonnenschein!"
Noch ist alles im grünen Bereich. Im Hintergrund der alte Pegelturm bei den St. Pauli-Landungsbrücken.
An der Außenalster entlang.
Bald ist die Halbmarathonmarke erreicht.
Am S-Bhf. Alte Wöhr wird kräftig getrommelt. Und Andreas hält hinten eine Motivationstafel hoch.
Petra filmt und Andreas sieht Werner kommen.


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