Sturmfahrt

Überfahrt nach Bornholm - 19. Juli 1998

Dieser Tag ist uns bis heute im Gedächtnis geblieben. Für den erfahrenen Skipper ist das von uns Erlebte sicher kein sensationelles Ereignis, doch für uns als zu dem Zeitpunkt noch unerfahrene "Seeleute" war der Tag sehr eindrucksvoll. Ich habe damals kurze Zeit danach einen Bericht geschrieben, der seit dem lange in der Schublade schlummerte. Jetzt habe ich ihn wieder hervor gekramt und in den PC geschrieben. Zudem habe ich eine Bleistiftzeichnung gescannt, die ich zeitnah bei noch frischer Erinnerung gefertigt hatte.
 
 
Sonntag, 19.7.1998

Bornholm war sicher ein Wunschziel in diesem 3-Wochen-Törn. Als wir in Sassnitz einen Reiseführer erstanden und die Schönheit der Däneninsel vor der Südwestküste Schwedens für uns noch einladender wurde, wuchs die Entschlossenheit zur fast 60 Seemeilen-Überfahrt. Leider waren diese Wochen oft von starkem Wind und nur mäßig warmer Witterung geprägt.

Wir blieben zunächst in Sassnitz, denn draußen blies ein kräftiger Südwestwind mit Stärke 6. Der Wetterbericht am Morgen des 18. Juli sagte für den kommenden Tag eine Abschwächung voraus. Wir beschlossen den Wetteraushang beim Hafenmeister am nächsten Morgen abzuwarten und dann zu entscheiden. Um 7 Uhr morgens lautete die Vorhersage bis 20 Uhr: Wind SW abnehmend 4 für die südliche Ostsee. Da wir schon bei 5-6 Bft. mit Rückenwind im Greifswalder Bodden unterwegs waren und die Fahrt eigentlich erträglich war, entschlossen wir uns zur Überfahrt.

So legten wir um 9 Uhr 45 ab und schipperten aus dem Hafen von Sassnitz in nordöstlicher Richtung auf die Ostsee. Die See war zwar alles andere als ruhig, aber es ließ sich aushalten. Martina stand zeitweise am Ruder und ich machte Fotos von Rügens schöner Steilküste. Die Wellenhöhe nahm aber bald zu. Und plötzlich, als wir den Schatten Rügens verlassen hatten, kamen von achtern Wellen angerollt, die ich mir im Traum nicht vorgestellt hatte.

Spätestens hier wurde mir klar, dass ich mit seemännischer Unerfahrenheit die Situation falsch eingeschätzt hatte. Da der Starkwind schon einen Tag und eine Nacht aus Südwest kam, hatte sich von der Lübecker Bucht aus eine mächtig raue See aufgebaut. Ich traute mich nicht umzukehren vor Angst, das Boot könne beim Wenden kentern. Immer höher wurde unsere Sabrina gehoben und glitt immer heftiger zu Tal. Immer mehr spürte ich den Wunsch, alles wäre nicht wahr und wir könnten umkehren. Aber genauso stark hielt mich der Wille und die Erkenntnis, es jetzt durchstehen zu müssen.

Die Kinder hatten sich längst in die Achterkajüte verkrochen und Martina stand mit angstvollem Gesicht neben mir. Viel sprachen wir nicht und ich zwang mich zur Konzentration. Irgendwann bat ich sie, die Rettungstasche mit der Sicherungsleine der Rettungsinsel zu verbinden. Mir war eingefallen, dass im Notfall die Rettungstasche verloren gehen könnte. In ihr befand sich ja unter anderem der Satelliten-Notsender. Martina fragte mich: "Gehen wir jetzt unter?"

Ich versuchte den voreingestellten Kurs am  Kompass zu halten. Doch immer wieder zwangen mich hohe Wellen, die von achtern aus westlicher Richtung kamen, mehr östlich zu drehen. So war ich sicher, dass wir nach Osten abdriften würden. Das GPS (Satellitennavigation) zeigte nichts an, denn offensichtlich bekam das Gerät kein Signal. Wie sich später herausstellte, war die Antenne defekt. Dieser Umstand machte mir ernsthafte Sorgen. Ich befürchtete Bornholm zu verfehlen, was zwangsläufig zu einer unendlichen Seereise geführt hätte. Wir hatten ja nicht vor, die baltischen Staaten zu bereisen. Außerdem wollte ich eine Nacht auf See nun wirklich nicht erleben.

Mir schmerzten die Beine. Ich hatte zweimal versucht mich hinzusetzen. Jedes Mal katapultierte es mich aus dem Sitz. Einmal kollidierte ich schmerzhaft mit meiner tapferen Gattin. Immer wieder versuchte ich nach dem Durchlauf dreier großer Wellen hart nördlich zu steuern, um den Abdrift vom Kurs auszugleichen.

Die Zeit schien nur langsam zu vergehen und ich konzentrierte mich mit Blick über die linke Schulter ständig auf die bedrohlich ankommenden Wassermassen. Die mäßigen Wellen schätzte ich auf 2 bis 3 Meter, aber immer wieder kamen Berge von 5, vielleicht sogar 6 Metern Höhe. Weit am Horizont waren immer wieder Wasserberge zu sehen, die deutlich aus dem aufgewühlten Wasser heraus ragten. Der Windmesser schwankte zwischen 5 und 6 Bft. bei Rückenwind. Es dürften also unter Berücksichtung der Fahrgeschwindigkeit 7-8 Beaufort gewesen sein. Zeitweise löste sich das Wasser von den Wellenbergen und sprühte als Gischt an uns vorbei.

Längst war alles, was nicht fest war, quer durch durchs Boot geflogen. Die Seekarten lagen mit Büchern vermischt am Boden. Manchmal erschien mir alles so unwirklich, wie im Film. Ich dachte an den Wetterbericht und fragte mich, wann endlich "abnehmend 4" eintreten wird. Aber mir wurde klar, dass selbst dann die Wellen noch lange Zeit unaufhörlich weiterrollen würden.

Längst hatte ich die Situation, in der wir waren, akzeptiert. Die seitlichen Kränkungen des Bootes beim Durchgleiten eines Wellentales nahmen manchmal beängstigende Formen an. Oft schien es mir, als wenn das Steuerbord-Seitenfenster die Wasseroberfläche berühren wollte. (ich habe einige Tage später eine Bleistift-Zeichnung angefertigt, denn Fotos zu machen war ich während der Fahrt nicht in der Lage).

 
 
Aber genauso wie, diese Situationen erschreckend wirkten, wuchs mein Vertrauen zum Boot. Die holländische Knickspantbauweise schien jedenfalls sehr seetauglich zu sein. Ich hatte inzwischen auch die richtige Art des Steuerns heraus gefunden, um die auf das Boot wirkenden Kräfte möglichst weich auszugleichen. Einmal erwischte Martina eine Welle durch die offene rechte Seite. Nun stand sie reichlich nass neben mir.

Plötzlich zeigte das GPS wieder Positionen an. Es kam mir vor wie ein Geschenk des Himmels. Ich bat Martina sofort zu notieren. Nun begann der schwierige Akt der Positionssuche auf der Karte. Bei schwankendem Boot zeigt ich ihr, wie man mit dem Zirkel die Positionen auf der Karte abgreift. Mit gemeinsamer Anstrengung gelang uns die erste Ortsbestimmung.

Wir waren im Adlergrund, dort, wo wir ganz sicher nicht sein durften, 6 Seemeilen südlich vom Kurs. Es gibt hier Wassertiefen von nur 6 Meter. Bei diesen hohen Wellen war das sicher gefährlich. Mir blieb keine Wahl. Ich wendete und fuhr nordwestlichen Kurs, schräg gegen die aus West anstürmenden Wellen. Einmal gab es ein deutlich schabendes, lautes Kratzgeräusch am Bootsrumpf. Eigentlich kann es keine Bodenberührung gewesen sein, oder vielleicht doch?

Ich sagte aber nichts dazu, um keine weitere Angst zu verbreiten. Das Boot richtete sich immer steil auf und tauchte dann mit dem Bug in die nächsten Welle, um sofort wieder brutal nach oben gedrückt zu werden. Der unbefestigte Fernseher auf der Ablage kam uns entgegen. Martina hielt ihn mit der rechten Hand fest. Das verkabelte Gerät in der Situation herunter zu nehmen, trauten wir uns nicht und ich schwor mir, es bei Gelegenheit vernünftig zu befestigen.

Nach 20 Minuten Fahrt sahen wir eine Bornholm-Fähre. Welch ein Gefühl. Wir waren wieder nahe an der korrekten Kurslinie. Nach  weiteren 10 Minuten drehte ich wieder Richtung Nordost und orientierte mich an dem davonlaufenden Fährschiff. Wir konnten sie noch lange sehen und wussten so, dass die Richtung stimmte. Zudem kamen immer wieder neue Positionsangaben vom GPS, die uns beruhigende Gewissheit gaben.

Kurz nachdem, es war inzwischen Nachmittag geworden, glaubte ich mit dem Fernglas Bornholm erkennen zu können. Ich war nicht ganz sicher, doch etwa eine halbe Stunde später war deutlich ein schmaler, dunkler Streifen am Horizont erkennbar. Trotzdem hatten wir noch viele Stunden Fahrt vor uns.

Meine Muskeln in den Beinen und vom ständigen Festhalten auch das rechte Handgelenk schmerzten sehr. Immer wieder dachte ich: "Wenn wir nur schon am Ziel wären." Die Zeit verstrich quälend langsam und die Küste wurde nur allmählich deutlich erkennbarer.

Irgendwann konnte ich weiße Punkte ausmachen und ich hoffte, dass es die Tankbehälter von Roenne sein würden. Die Kinder trauten sich nun öfters wieder nach oben. Benny entdeckte plötzlich, dass sich der Heckanker gelöst hatte und an der Steuerbordseite über Bord zu kippen drohte. Ich übergab sofort das Ruder an Martina und machte mich mit dem Lifebelt, den ich die ganze Zeit getragen hatte, auf nach draußen und holte den Anker herein. Dabei hätte ich mir beim Einsteigen fast den Unterarm gebrochen, weil ich mich so dämlich an der Dachreeling festgehalten  und zu spät losgelassen hatte.

Als wir die Hafenmolen erkennen konnten, machte sich Erleichterung breit. Es war schon ein unbeschreiblich schönes Gefühl, als wir um 21 Uhr auf noch immer heftigen Wellen durch die beiden Molenköpfe gedrückt wurden. Als das Schwanken nachließ und hinter der Innenmole auf einmal glattes Wasser die Szene beruhigte, waren wir überglücklich. Trotzdem war beträchtlicher Schwell im Hafen und es dauerte länger, als mir lieb war, bis wir die Sabrina fest vertäut hatten. Ein Berliner Segler, der vor uns lag, berichtete von bis zu 9 Bft. Windstärke. Ich hatte sicher zuviel riskiert an diesem Tag. Bei drei Dosen Bier ließ ich alles nochmal im Kopf ablaufen, bevor ich irgendwann erschöpft einschlief.

Am nächsten Morgen war die Ostsee völlig glatt. Mir war klar, dass ein erfahrener Skipper ein Mensch von Geduld sein muss. Ich wurde durch diesen Crashkursus in Sachen Seefahrt belehrt.

In den kommenden Tagen wurden wir mit wunderschönem Sommerwetter und einer sehenswerten und bezaubenden Insel Bornholm für unsere Strapazen voll entschädigt. Die GPS-Antenne wurde ersetzt. Ein zusätzliches GPS-Handy zur Sicherheit und ein Weltempfänger für mehr Wetterberichte befanden sich nun auch an Bord. Die Rückfahrt nach Rügen war dann am darauf folgenden Sonntag bei Wind 4 bis abnehmend 1 Bft. die reinste Erholung.


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