Der Versuch einer Weltumsegelung

Ein Törnbericht der besonderen Art

Ein Segeltörn Rund um die Balearen vom 22. September bis zum 5. Oktober 2007
Es genügt sich in der Einleitung kurz zu fassen, so gut es geht. Ein Mann mit dem Namen Rolando E., 58 Lenze jung, mit 30 Jahren Erfahrung in Sachen Segeln, will mit zwei Freunden eine Weltumsegelung machen. Er plant mit Bedacht und sehr langfristig. Zu seinem Vorhaben fehlen ihm noch zwei weitere Mitsegler, die er in einer Art Qualifikationsverfahren finden möchte. Ein ausführlicher Zeitungsartikel, in den Costa-Blanca-Nachrichten erschienen, soll helfen. Der Vertrauen erweckende Bericht spricht meine Wünsche und Vorstellungen an. So bewerbe ich mich per E-Mail und sitze daraufhin wenige Stunden später mit dem Schweizer an einem Tisch. So geschehen im April 2007.

Der Vorgang, die Welt zu umrunden, soll beginnen Ende Oktober 2009 in Dénia und zunächst zu den Kanarischen Insel führen. In einer Regatta soll es in die Karibik gehen. Dort startet dann überwacht vom WCC, dem World-Cruising-Club, die eigentliche Weltumsegelung. Durch den Panama-Kanal geht es in die Südsee, nach Perth in Australien, vorbei an Bali nach Südafrika. Dann über den Atlantik nach Brasilien und zurück zum Ausgangs-/Zielpunkt in St. Lucia. Zum Schluss dann noch eine kleine Atlantiküberquerung und schon ist man im Juli 2011 zurück in Dénia. Klingt doch toll, oder?

Mein Einwand, dass ich nur 2 1/2 Jahre Erfahrung mit einem eigenen Boot habe und sonst nur Charteryachten kenne, ansonsten aber ein handwerkliches und technisch versiertes Rundumtalent sei, beantwortet Rolando so: "Spätestens auf den Kanaren kann jeder richtig segeln." Neun Bewerber gebe es, verriet er, die er aufgeteilt in zwei Törns mit seinen Freunden, der so genannten Stammcrew, begutachten wolle. Dann würde entschieden. Mehrtägige Schläge mit Tag- und Nachtwachen waren geplant, um die Standfestigkeit der Mannschaft zu ergründen.

Mein Törn sollte also am Samstag, den 22. September 2007, beginnen. Zuvor bot ich meine Mithilfe beim Einkaufen an. Das wurde strikt abgelehnt, aber wenn ich so freundlich sei zu helfen, die Beute auf die Yacht "Ariadne" (Name geändert) zu bringen, sei ich willkommen, hieß es. Merkwürdig fand ich schon, nicht gefragt zu werden, was ich in kulinarischer Hinsicht gerne bevorzugen würde. Als ich dann das an Bord gebrachte Zeug mit helfender Hand mit verstauen wollte, schickte Rolando mich weg: "Um 17 Uhr ist einchecken. Es genügt, wenn du dann da bist."

So war ich pünktlich da und mit mir Wolfgang, der andere Kandidat, der unter Beobachtung stehen sollte. Er ist schon leicht über die Sechzig geglitten, nahezu zehn Jahre älter als ich, was mich nicht daran hinderte, ihn auf Anhieb sympathisch zu finden. Peter, das Stammmitglied unter Rolandos Schiffsführerschaft ist um deutliche Jahre älter, ebenfalls ein Schweizer. Der dritte Mann der Kerncrew fehlte und wir erfuhren, dass der Mann bereits beim ersten Törn Abwesenheit bevorzugt hatte. Unter der Annahme der Möglichkeit, dass eventuell nur einer von uns beiden anwesenden Kandidaten das Rennen machen könnte, konnte ich bereits mathematisch festlegen, dass ich maximal 50% der Weltumsegelungscrew vor Augen haben würde. Der Umstand passte keineswegs zu der Festlegung, dass nach dem Drei-Wochen-Probetörn jeder zu entscheiden hatte, einschließlich aller finanziellen Vorleistungen.

Am Sonntag um 10 Uhr legten wir ab bei sonnigem Wetter mit mäßigem Wind. Den Vorabend hatten wir bei einem Chinesen in Dénia verbracht, was der Teambildung dienen sollte. Ich ahnte nicht, dass es der einzige Vorgang in der Richtung sein sollte. Bald, 10 Seemeilen nordwestlich von Dénia, war es Wolfgang gar nicht gut und mir ging es nur wenig besser. Peter, der mit Rolando seit vielen Jahren segelt, kotzte sich bei 3 Beaufort zwischen den teuren Polstern im geräumigen Innenleben der teuren und nagelneuen Beneteau Cyclades 50.5 aus, einer Serienyacht mit 3 Bädern. Der Wahnsinn nahm seinen Lauf.

Merkwürdig fand ich schon, dass ständig ein roter Besen mit Stoffstreifen im Cockpit stand, lag, oder hin- und her flog. Natürlich war ich mehrmals gestolpert. Wolfgang war es aber, der äußerte, dass das Ding besser zu verstauen sei. Ohne Erfolg. Sie haben ihn wohl nicht ernst genommen, denn wir mussten schnell lernen, dass es als sehr wichtig angesehen wurde, stets Krümel und Schmutzspuren entfernen zu können, wann immer so etwas sichtbar war. Erst Tage später, der Leser verzeihe mir den Vorgriff, wurde ich schon deutlicher in dieser Sache, was Rolando zu der Aussage brachte: "Na, dann lege ihn in die Backskiste." Ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass der Stolperbesen uns im Törnverlauf weiterhin Schrecksekunden verpasst hat, weil er bald wieder da war, wo er hingehört: Zwischen die Beine der Crew. Mir kamen wirklich erste Zweifel an der 30-jährigen Segelerfahrung des Skippers.

Wiederholt sahen wir Motorboote. Schnell lernten wir, dass diese "Kazunkas" heißen und versenkt gehören. Zu diesem wichtigen Thema nehme ich alle Folgesprüche des Skippers während der Reise in diesen Absatz. Erst dachte ich, es handle sich um scherzhafte Äußerungen. Keineswegs, den die Aggressivität nahm mit jedem gesichteten Wasserfahrzeug ohne Segel zu, und zwar ganz massiv. Das Rolando eines Tages so ein Produkt versenken wird, hatte er mir und Wolfgang schnell klar gemacht. Später, in einer schönen Bucht an einer Boje im südlichen Mallorca entdeckte der Schweizer nach der ersten Nacht bei einem Spaziergang am Ufer eine weitere weiße Ankerboje, die frei war. Weiße Bojen sind für Boote bis 15 Meter Länge, rote auf 8 Meter limitiert. Ein Kazunka von circa 11 Metern legte sich an die weiße Boje, an die Rolando zu wechseln gedacht hatte. Sein Ausbruch war enorm. Während des weiteren Spazierganges erlebten wir eine verbale Versenkungs- und Sprengungsorgie, wie ich sie zuvor nur islamischen Terroristen zugetraut hatte. "Es muss ein Gesetz her, dass nur noch Boote aufs Meer dürfen, die einen Mast haben", schimpfte er. Mein ziemlich deutliches Kritikgespräch am Abend brachte ihn aber immerhin dazu, auf der Restreise in dieser Hinsicht den Ball etwas flacher zu halten.

Apropos Ball. Da es mit Rolando und Peter schwer war, über allgemeine Themen zu diskutieren, kamen Wolfgang und ich zufällig auf Fußballsport. Dazu fiel Rolando etwas ein: "In unseren Nationalmannschaften spielen doch nur noch Neger." Ich darf vorweg nehmen, was ich ihm ganz am Ende der Reise gesagt habe: "Über Ausländer in Nationalmannschaften kann man vielleicht diskutieren. Aber beim Stichwort ´Neger´ geht es ausschließlich um die Hautfarbe. Das ist Rassismus. Und mit einem Rassisten macht man keine Weltumsegelung, jedenfalls Wolfgang und ich nicht. Aber der Leser darf hoffen, dass er im Laufe des Textes  noch weitere Ausschlusskriterien finden wird.

Wir haben dann an einer Boje nördlich von Formentera fest gemacht und dort die Nacht verbracht. Ok, die mehrtägigen Schläge sollten also wohl noch kommen. Am nächsten Tag ging es weiter Richtung Mallorca.

Der Autopilot machte deutliche Geräusche. Sorgenfalten bildeten sich beim Skipper, aber unternehmen wollte er nichts und ein Ausschalten kam nicht in Frage. Wolfgang wies auf einen möglichen Service in Palma hin, aber die Idee wurde sofort abgeschmettert. Welcher Skipper lässt sich denn schon von einem Outsider belehren. So erreichten wir Palma spät in der Nacht mit meckerndem Autopiloten. Bei ruhigem Wasser war das Anlegemanöver am Kai kritisch, denn Rolando brauchte drei Anfahrten. Sollte ein Erfahrener das hier lesen, verweise ich ihn auf den Propellereffekt. Zum Glück fand Peter lustige Worte, als ich beim Sprung auf das Land ausrutschte: "Das lernst du schon noch." Die Teambildung nahm ihren Lauf und ich fragte mich, warum die beiden Schweizer mit verschränkten Armen an Bord so hämisch grinsten.

Unnötiger Wasserverbrauch in der Ariadne war uns Mitreisenden strengstens verboten. Klar, dass wir darauf achteten, weil uns gesagt wurde, dass in Mallorca 200 Liter Leitungswasser 35 Euro kosten. So waren wir sehr erstaunt, dass bei der Bezahlung am nächsten Tag in der Marina von Palma beim Gesamtpreis das Wasser inklusive war. Ok, so einen kleinen Übermittlungsfehler soll man nicht überbewerten. Logisch, dass wir Papier niemals in die Seetoilette gebracht haben, sondern nur in den beistehenden Mülleimer bei Strafe von 180 Euro Kosten. Allerdings hatte ich auf meinem eignen Boot in 2,5 Jahren nie Probleme und auf den Charteryachten niemals einen Hinweis von Problemen mit Toilettenpapier gefunden. Aber in der Tat, logisch ist der Hinweis dennoch. Komisch fand ich nur eine nach Peters Duschvorgang völlig durchnässte Feuchtzelle, in der ich erstmal die Klobrille trocken machen musste, obwohl doch laut Anweisung jeder hinter sich her zu wischen hat. OK, das gilt wohl nur für Gäste im Schiff.

Zwei steinerne Gesichter können an Bord einer Beneteau Cyclades 50.5 für sehr viel Enge sorgen. Nur gut, dass Wolfgang und ich es verstanden haben, mit Mimik zu kommunizieren. Bestes Wetter war uns hold, als wir an der Boje in Porto Petro fest machten. Endlich mal schnorcheln und die Flossen klappen lassen in einer wunderschönen Bucht. Meine Taucherbrille konnte mir so helfen, mal das Unterwasserschiff zu erkunden. Apropos Taucherbrille: Sie hatte bereits in Palma einer anderen Schweizer Segelyacht Hilfe geleistet, die in den Propeller gewürgte Muringleine loszukriegen. Es erfüllt mich mit Stolz, als Ahnungsloser Dinge mit an Bord gebracht zu haben, von denen man glaubt, dass sie eine Grundausstattung der Seemannschaft sind. So meine Taschenlampe, die hilfreich war im Dunklen etwas zu finden, als die einzige Taschenlampe der Ariadne nicht zu finden war. Es gab noch eine zweite Lampe, wie ich später erfahren durfte, aber dafür kein Ladegerät. So viel in Sachen Törnplanung. Ach, du meinst, der Skipper sei in Zeitdruck gewesen? In diesem Fall gefehlt, denn er ist Privatier.

Ein interessanter Vorfall war auch der, als Peter in der Hafeneinfahrt von Mahon nach den Fendern im Bugraum suchte. Sinnigerweise und sehr klug von Rolando bedacht, wurden ja immer zwei Fender mit Kreutzkonten zusammen gebunden. So kann man sie locker mit dem Bootsharken aus dem tiefen Bugraum fischen, vorausgesetzt, es ist hell. In der Dunkelheit benötigt man Licht. Ich stand hinter dem knienden Peter, als er zu mir sagte: "Hol doch mal deine Taschenlampe!" Ich antwortete: "Du musst nur um die Ecke greifen, denn im Bugraum sind Lichtschalter, in jeder Ecke einer." Meine Provokation muss enorm gewesen sein, denn er fischte weiter drei Minuten in der Dunkelheit, bis er dann doch zum Lichtschalter griff. "Ganz schön flexibel, der Kerl", dachte ich mir, "Weltumsegler."

Auf dem Weg nach Menorca meldete sich wieder permanent der nervende Autopilot. Dann sagte ich zum Skipper: "Rolando, da müssen wir dringend nachsehen. Hinten sind doch Holzklappen. Soll ich mal schauen?" Er überlegte lange, stimmte aber dann zu. Nach 10 Minuten war meine Diagnose klar. Die Hydraulikpumpe war heiß und unter ihr auf dem Holz gab es eine Öllache. Mein Rat an den Skipper: "Sofort abstellen! Es besteht Brandgefahr!" Er folgte meinen Ausführungen. Mehr noch, er telefonierte mit der Verkäuferin in Dénia, die ihm die Yacht verkauft hatte. Das Ergebnis war ein möglicher Service in Mahon auf Menorca. Schade nur, denn Palma wäre wohl als Reparaturadresse aussichtsreicher gewesen. Aber Wolfgang und ich sind eben nicht genügend kompetent.

Der Mechaniker in Mahon war sehr kompetent, denn er lieferte die gleiche Erkenntnis, die ich zuvor festgestellt hatte, aber mit einem niederschmetternden Ergebnis. Kein Ersatzteil vorrätig. Ich sagte zu Rolando: "Kein Problem. Segeln wurde vor dem Autopiloten erfunden." Seine Antwort war ein zusammen gezogener Mund und ein Kopfwippen. Hatte ich hier einen "Schönwettersegler" vor mir? Mir fiel ein, dass wir immer noch keine Tag- und Nachtschläge versucht, sondern nur himmlisch schöne Buchten und Häfen auf Anraten des Skippers angelaufen hatten.

"Kein Beinbruch", war die Meinung, die ich inzwischen mit Wolfgang teilte. Die beiden nächsten wunderbaren Menorcabuchten genossen wir im Stile eines herrlichen Freizeittörns. Baden, Spaß haben, und mit Rolando und Peter über andere Bootsfahrer lästern, die seemännisch nicht so gebildet sind wie wir auf der nagelneuen Beneteau. Dass die beiden Schweizer in der Bucht nicht später von Feuerquallen angebrannt wurden, war nur meinem Schnorchelgang zu verdanken und einem Feuermal an meinem Handgelenk. Was tut man nicht alles zu Gunsten netter Menschen. Ok, die Entdeckung war eher zufällig. Es wäre unfair, alle meine Entdeckungen anderen zum Nachteil auszulegen. Bezüglich der Feuerquallen war es ein Glückfall und es war nur diese Bucht, wo sie massiv aufgetreten sind.

Natürlich darf man keine nasse Wäsche über die Reling eines so schön aussehenden Schiffes hängen. Diese Vorschrift lockerte sich aber während des Törns, nachdem Rolando dann doch mal in das sibirisch kalte Walter gestiegen war. Anfangs hatte er mich als mutig bezeichnet, 22 Grad warmes Seewasser in Kontakt mit meinem Körper kommen zu lassen.

Dass er gerne auf die "arbeitende Bevölkerung Zentraleuropas" anstößt, empfand ich anfangs als abwechslungsreichen Scherz. Wenn der Spruch aber wiederholt kommt, kommst du schnell auf die Idee, dass das verdammt arrogant klingt. Dann stößt du nur noch widerwillig an und irgendwann bleibt dir der Trunk im Hals stecken.

Hatten wir zu Beginn dieser Reise nichts voneinander gewusst, war der Zustand nun ein ganz anderer. Wolfgang und ich wussten immer mehr voneinander und somit auch unsere Beobachter. Nur wir wussten nichts von ihnen. Eine Mauer des Schweigens. Rolando war wohl mal Lehrer, wie bei der Bootstaufe ein Gast verraten hatte. Und Peter hat während des Törns erzählt, mal auf zwei militärischen Inseln gewesen zu sein. Das war´s dann auch. War Peter vielleicht früher bei der Fremdenlegion? Keine Ahnung. So viel sei gesagt in Sachen Teambildung.

In der aufregend interessanten Bucht von Fornells lagen wir wieder an einer Boje. Mal Gelegenheit, etwas zum Thema Dingi zu sagen. So nennt man ein Beiboot, in diesem Fall ein kleines Schlauchboot. Während der gesamten Reise machten sich Rolando und Peter Gedanken, wie man einen Kran für den monströsen 4-PS-Außenborder montieren könnte. Das Ritual des Dingis zu Wasser lassen war ohnehin bemerkenswert. Ein sehr kompliziertes Verfahren mit Fallleine und elektrischer Winschhilfe brachte das Stück Kunststoff vom Vordeck in die Höhe, denn es durfte die Yacht niemals berühren. Zwei Bootshaken mussten das Fall weit nach außen drücken. Mit vielen Kommandos wurde es dann zu Wasser gelassen, gleich einem Stapellauf eines Tankers. Zwei Fender sicherten dann das am Heck quer liegende gefährliche Beischiff so, dass es ruhig liegen sollte. Nur der Skipper durfte dann in das wackelnde Luftding steigen. Starke Männerhände mussten ihm dann den schweren Motor reichen. Mit viel Mühe, der Yamaha-Viertakter immer in Gefahr im Meer zu versinken, wurde er dann fixiert.

Ich hatte dann eine interessante Idee. Das Schlauchboot war ziemlich einfach mit den Heckpuffern gegen das Heck der Yacht gerichtet zu fixieren. So konnte man den Außenborder einfach von hinteren Ausstieg der Beneteau locker von oben in das Heckschild des Dingis einhängen und die Gefahr des Motorversenkens war so aus der Welt. Dieser Idee war sogar der Skipper angetan und handelte doch in der Folge tatsächlich nach meinem Vorschlag. In der Tat, er hat sich sogar bedankt. Und ich fragte mich, wie viele Jahre Segelerfahrung wirklich nötig sind, um eine Weltumsegelung in Angriff zu nehmen.

Interessant ist übrigens ein geistiger Ausflug. Es ging um das Thema Piratenangriffe. Rolando sagte, dass die Mitführung von Waffen auf einer Weltumsegelung kritisch ist, wegen der ständig nötigen Deklarationen. Eine gute Lösung seien Schleudern mit Metallkugeln. Er meint, dass die Akteure in einem Boot, dessen Scheibe er trifft, sich wohl überlegen werden, ob sie angreifen. Ich habe mir die Piraten, wie man sie allgemein kennt, mit Maschinenpistolen im Anschlag vorgestellt und mich gefragt, wie ernst Rolando wirklich zu nehmen ist.

Der Ort Fornells ist auch eine gute Gelegenheit, zum Thema Wetterbericht zu kommen. Unser Dienstherr hatte sich bislang auf dem Törn von mir versorgen lassen, mittels meines Laptops mit Landwetterberichten von wetteronline.de, die er ohnehin laut seiner Aussage für die besten Vorhersagen hält. Mangels Stromversorgung an Bord brachte ich also stets die Prognosen von Land mit, auf einem Schmierzettel gewissenhaft aufgeschrieben. Allerdings fragte ich mich, sollte ich mal wieder Skipper sein, wie ich es ja schon war, ob ich mich auf solche Informationen wirklich verlassen würde. Ehrlich gesagt, nein. Der Zuträger könnte falsch gelesen, falsch geschrieben oder sich in der Spalte vertan haben, z.B. was die Aufreihung der Tage betrifft. Rolando E. hat solche Bedenken nicht. Warum eigentlich verfügt seine Beneteau über Wetterfax? Warum bedient er den Service so selten? Kostet Wetterfax viel Geld?

Ich gebe zu: Wolfgang und ich hatten längst Bedenken, dass der Skipper ein Skipper ist. Die Landwetterabfrage sagte, dass Wind SO, 4-5, zu erwarten war, mit Böen bis 70 km/h am Nachmittag (Landwetterbericht für Mallorca). Ziel sollte die Bucht von Pollensa sein. Das bedeutete idealen Wind. Peter und Roland hielten das für so gefährlich, dass sie noch zwei Tage in Fornells bleiben wollten. Wolfgang und ich wollten aber wegen der absinkenden Stimmung an Bord schnell nach Mallorca. Der Hintergrund dürfte jedem Leser klar sein. Wir wollten auf die Insel, an der wir notfalls von Bord gehen können, ohne eine komplizierte Flugreise auf uns zu nehmen. Ausgesprochen waren diese Gedanken zu dem Zeitpunkt allerdings nicht.

Was folgte, war ein Erpressungsversuch von Rolando: "Wenn wir so segeln, kann es ein, dass wir wegen der Böen in Barcelona landen. Er zeigte auf die Seekarte. Sichtbar waren 60 nautische Meilen nach Mallorca und 200 sm nördlich lag die katalanische Hauptstadt. Es war sein voller E.: Böen sollten uns also möglicherweise 200 Meilen nach Norden drängen. Zum ersten Mal haben wir auf der Reise seinen Sachverstand angesprochen. Das konnte nicht ohne Auswirkungen bleiben.

Am Morgen wollten Peter und Rolando dann nicht losfahren, weil kein Wind war: "Wir sind kein Motorboot!" Wolfgang und ich waren anderer Meinung. So fuhren wir mit Motor aus der Bucht auf die See. Dann kam Wind und Peter hatte Wache. Er lenkte die Yacht stets so, dass die Segel anfingen zu schlagen. Jetzt war es der "ahnungslose" Wolfgang, der ihm sagte, wie man den Wind sucht. Peter entgegnete: "Soll ich gegen die Felsen fahren?" Ich schaute nach vorne und sah, dass die Steilküste noch 1,5 Seemeilen weit entfernt war. Es dauerte nicht lange, und die Schweizer-Stamm-Crew stellte sich der Wirklichkeit.

Der Schlag nach Pollensa war absolut problemlos bei hervorragendem Wind. Um 8 Uhr 15 abgelegt und mit 70 % Segelei in bester Zeit erreichten wir um 18 Uhr 45 die Zielboje in der Bucht von Pollensa ohne eine einzige Böe und unter zeitweiliger Begleitung von Delphinen. Es war wohl der beste Segeltag überhaupt. Für ein weiteres negatives Erlebnis gab es aber doch noch Gelegenheit. Bislang hatten Wolfgang und ich alle Zielbojen bestens geharkt. Logisch, denn sämtliche erforderlichen Motor- und Lenkmanöver zeigten wir stets vom Bug aus an. So auch dieses Mal. Ich hatte die Leine durch die Öse, Wolfgang vorne bereits belegt. Gerade wollte ich das andere Ende der Leine belegen, als der Skipper hinten seine 110 PS ausspielte, ohne dass ich eine Anforderung gegeben hatte. Mein Daumennagel klappte nach oben, die Öse zerschrammte mir das T-Shirt und ging wieder ins Wasser. Ok, jedenfalls klappte mit Rolandos zartfühlenden Händen am Gashebel der zweite Versuch. Noch ahnten wir nicht, dass der nächste Tag über Leben und Tod entscheiden würde.

Die Bucht von Pollensa ist eine Augenweide. Am Morgen fegten mehrere kleinere Wetterkapriolen über das Wasser und brachten uns zum Wanken. Aber dann, ab 10 Uhr am Morgen, wurde es ruhig und das Wetter strahlend schön. Der angesagte Landgang steigerte die Stimmung sehr, doch er fand nicht statt. Weiß der Teufel, warum die Schweizer Anderes im Sinn hatten. Sie backten Brot. Wer mal gebacken hat weiß, wie lange ein Teig gehen muss, der Backofen heizen und die Backphase dauern kann. Die zwei wichtigen Bootsharken, um das Dingi ins Wasser zubringen, lagen von mir schon bereit gelegt, bevor die beiden Brote in den Gasofen wanderten. Aber ein Landgang schien nicht in Sicht.

Eine der größten Wetterkatastrophe Mallorcas der letzten Jahrzehnte:

Traumwetter! Es wahr 15 Uhr 30 und Rolando sagte provokant: "Wollt ihr denn nicht an Land?" Wolfgangs Lippen sprachen: "Wir warten schon seit zwei Stunden." Es ist Zeit, dass ich erwähne, dass es eine Bordkasse gab. Aus der wurde alles bezahlt, wie z.B. gemeinsame Landgänge. Als wir mit dem Schlauchboot in Pollensa anlegten, sagte Skipper Rolando E.: "Ok! Wir treffen uns hier wieder um 18 Uhr 30." Damit war klar, dass er und Peter alleine gehen und auch den geplanten Einkauf unter sich ausmachen wollten. In einem Café organisierten Wolfgang und ich also folgerichtig unseren abendlichen und endgültigen Abgang von Bord. Per Laptop erledigte ich dann in aller Kürze einige kleine Arbeiten ohne zu ahnen, dass die Katastrophe bereits ihren Lauf nahm.

Wolfgang und ich waren zeitig fertig mit dem Landgang und unsere Füße trugen uns Richtung des angelegten Schlauchbootes. Dann sahen wir Rolando und Peter. Weil bedrohlich dunkle Wolken schnell heran kamen, drängten sie zum schnellen Ablegen. Die Verkettung von Fehlentscheidungen war wohl nicht aufzuhalten.

Am Schlauchboot angekommen und den Blick in den Himmel gerichtet muss ich mir vorwerfen, als erfahrener Mann wohl nicht richtig getickt zu haben, in das Boot zu steigen. Über uns war alles tiefschwarz mit einem giftig grünen Auge in der Mitte, wie ich es noch nie in meinem Leben zuvor gesehen hatte. Und ich weiß, wie schnell Gewitterstürme sind. Aber die doppelte Drucklage ließ meinen Verstand wohl am Ufer im Schutze balearischer Heimeligkeit zurück. Ich wollte mit Wolfgang auf die Yacht, um möglichst schnell wieder von ihr gehen zu können. Rolando winkte und mahnte zur Eile.

Ich werde mich wohl nie mehr auf einen Skipper mit 30-jähriger Segelerfahrung verlassen, selbst wenn sein Name E. ist. Nach nur drei Minuten Schlauchbootfahren wurde es ernst, und wie. Die Yacht lag circa einen Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt im gerade noch ruhigen Wasser der Bucht. Nach nur 200 Metern brach es über uns herein. Es begann mit Regen und sich ganz schnell aufbauendem Wind und Wellen direkt von vorne. Das Wasser brach von oben wolkenbruchartig über uns herein. Rolando gab Gas, seine Yacht im Visier. Er ließ eine Einfahrt zu einem Militärhafen linker Hand liegen, obwohl schon von vorne das Wasser in das Schlauchboot einbrach.

Die Wellen stiegen höher und das Boot füllte sich. Ich saß vorne im Bug, mit Blick auf die Yacht, die auch Rolando, der hinten an der kräftigen 4-PS-Yamaha-Maschine saß, wohl fest im Auge hatte. Wolfgang saß mit seinem Rücken an mich gepresst und konnte nur nach hinten sehen, wie auch Peter, der mittlerweile sich darum kümmerte, dass die teuer eingekauften Küchenrollen nicht nass wurden, obwohl sie bereits im Wasser schwammen.

Rolando war wohl der Meinung, sein Schlauchboot sei eine vollwertige Kazunka (Motorboot), denn er drehte am Gashebel bis zum Anschlag, voll gegen die mittlerweile einen halben Meter hohen Wellen. Vier schwere Männer saßen inzwischen mit ihren Allerwertesten im halb voll geschlagenen Dingi. Der Skipper am Gashebel kannte keine Gnade. Ganz sicher konnte er seine hübsche Beneteau nicht mehr sehen, denn ich, der im Bug saß, sah sie auch nicht mehr. Wir waren in einem Orkan, so viel war sicher, und wir gerieten in schwere Seenot.

Von hinten kam nichts, außer der Befehl: "Schöpfen!" Ich versuchte es nur ein mal, denn mit der hohlen Hand kriegst du 100 ml aus dem Kahn, während vorne 50 Liter über die Gummiwulst schwappen. Ich fragte mich: "Hat der da hinten noch alle Tassen im Schrank?" Mittlerweile kühlte nicht nur Hagel mein Gesicht, sondern der Sturm war so extrem, dass ich kaum mehr atmen konnte. An Sicht war gar nicht mehr zu denken und der Schlaubootrand näherte sich dem tobendem Wasser.

Dann bin ich halb aufgestanden und geplatzt: "BEIDREHEN. ABWETTERN AN LAND!!!!" Ich habe den Mann mit dreißig Jahren Segelerfahrung angeschrieen. Von Wolfgang weiß ich, dass der Skipper bleich im Gesicht war und nur noch seinen Gashebel fest hielt. Ich muss ihn wohl wach geschrieen haben, denn er drehte doch tatsächlich das volle Boot aus dem Wind.

Was folgte war ein sanfter, aber bedrohlicher Ritt auf den inzwischen 80-cm-hohen Wellen. Über uns zuckten die Blitze und der Donner krachte. Ich sah eine Boje-an-Boje Querleine, sagte aber nichts, damit der da hinten nicht panisch wegen seines teuren Yamaha-Motors wurde. Zum Glück sind wir über die Barriere hinweg geglitten.

Dann sah ich eine Steinmole und noch ein quer treibendes Seil. Auch da habe ich keine Warnung gegeben, denn ich hatte bereits einen der Steine im Griff. Logisch, dass sich dort die Schraube des Außenborders in das Seil gefressen hat. Mir war das egal, denn ich war bereits auf dem Stein mit der Bugleine in der Hand. So konnte ich das Dingi ran ziehen. Trotzdem versank Wolfgang zwischen den Steinen bis zur Brust, konnte sich aber wieder nach oben ziehen. Peter schien endlich den Kampf um die Einkaufstüten aufgeben zu wollen.

Vier Minuten später hatten wir das Dingi hoch genug und in Sicherheit. Mein Laptop und meine Videokamera lagen oben auf einer Betonmauer im Sturzregen und Wolfgangs Handy und seine Digicam badeten im Salzwasser. Peter rettet die Einkaufstüten und wir fanden Schutz unter einem Vordach auf spanischem Militär-Terreno. Der Leser glaubt jetzt vielleicht, es hätte einen Skipper gegeben, der gefragt hätte: "Hey, seid ihr alle ok? Jemand verletzt? Wie geht es euch?" Nein, ein realer Skipper wie Rolando bewahrt die Übersicht und schweigt. Aber Peter fand gegenüber dem immer noch vom Horror aufgewühlten Wolfgang die richtigen Worte: "Ich bin mal gespannt, was Wolfgang heute Abend für eine Suppe kocht." Na, da lacht man doch gerne.

Erlebt hatten wir gerade eine der schwersten Wetterkatastrophen Mallorcas der letzten Jahrzehnte. Wind bis zu 110 km/h hatte die Insel heimgesucht. Das ist Orkanstärke mit 11-12 Beaufort. Die Schäden auf dem Eiland waren immens und das Ereignis motivierte sogar die deutsche BILD-Zeitung, die Titelseite großflächig damit zu bedrucken. Zwölf Windstärken nehmen einem Menschen über der Wasseroberfläche die Luft zum Atmen. Man kann sich also gut vorstellen was passiert wäre, wenn wir ins Wasser hätten gehen müssen.

Das man mich in der Militärhalle dann nicht angesprochen hat, fand ich angenehm. Bei gerade gerettetem Body war ich sowieso mit mir selbst und meinen Gedanken beschäftigt. Die Luft war kühl und meine klatschnasse Kleidung fühlte sich unangenehm an. Zudem versuchte ich meinen Laptop und meine neue HD-Videokamera irgendwie durch äußere Trocknungsmaßnamen zu retten.

Ein Lob muss ich aber dem Peter geben, der es immerhin nach langer Suche geschafft hat, nachdem ich ihm die Küche zur Suche empfohlen habe, ein Messer zu finden, um das Boot von der fest gefressenen Bojenleine abzuschneiden. Es macht eben auch mal Spaß, Männern mit mehr Lebenserfahrung einen brauchbaren Tipp geben zu können.

Ziemlich bedrohlich geriet dann das Rudern zur Yacht, nachdem das Schlimmste vorbei war und die Wellen sich flacher gelegt hatten. Ich habe Rolando und Peter zunächst zurück gehalten, als sie vorzeitig bei noch zu starkem Wind aufbrechen wollten. Als es mir machbar erschien, habe ich sozusagen die Fahrt zur Yacht eingeleitet. Wirklich, es ist kein Witz. Die beiden Schweizer haben auf mich gehört. Rolando ruderte, aber sein Hals drehte sich nie, um die Richtung zu suchen. Vielmehr forderte er von mir Informationen an, wohin er rudern sollte. So etwas funktioniert aber nicht, da ein Schlauchboot bei starkem Wind mehr torkelt als geradeaus läuft. Es wurde zunehmend dunkel und die 450 Meter zur Yacht waren kein Pappenstiel in Sachen Kraftaufwand.

So forderte ich Rolando auf, über die Augenwinkel seine Yacht anzuvisieren, was er aber nicht tat. Er hat sie dann verfehlt und durch den inzwischen drückenden Landwind drohten wir raus auf die Bucht zu treiben. Bald war er dann mit seinen Kräften am Ende und bat um einen Wechsel. Ohne Runderwirkung trieben wir in wenigen Sekunden schnell 20 weitere Meter weg von der Yacht. Ich habe mich an die Ruder begeben und mich mit aller Muskelkraft ins Zeug gelegt. Fünf Minuten später waren wir an Bord der Ariadne.

Wenn mein Wille auf eine Weltumseglung mit Rolando E. bereits vorher auf den Tiefpunkt gesunken war, war er jetzt komplett vernichtet. Was Wolfgang und ich gerade zuvor erlebt hatten, was das Totalversagen eines Schiffsführers. TOTALVERSAGEN !!! Rolando meint übrigens, dass auf dem Worldtörn kritische Situationen unwahrscheinlich sind. Nur Passatwinde. Mein Einwand bezüglich weltweit zunehmend ungewöhnlicher Wettereignisse schmetterte er mit einem Kopfschütteln ab. Zu 90 % sei alles vorhersehbar, nur freundliche Passatwinde. Ich nickte und blieb fassungslos.

Wolfgang war total bedient, wohl sehr verständlich, und versenkte sich selbst in seiner Kabine mit dem untauglichen Versuch, Schlaf zu finden. Ich half noch, den Außenborder zu reparieren. Dann habe ich ein Bier und eine Flasche Cognac auf den Tisch gestellt und den künftigen Weltumseglern den Marsch geblasen. Vor mir hatte ich zwei Herren, die immer stiller wurden.

Mit dem Dingi hat uns Rolando am nächsten Morgen mit Gepäck zum Taxistand von Pollensa gefahren, kleinlaut und schweigend. Zum Handgeben hatte er nicht die Kraft aufzustehen, wohl aber noch Reserven, mit einem Lappen den Dingi-Sitz abzuwischen, auf dem wir gesessen hatten. Was für ein Schiffsführer!!!

Wolfgang und ich haben diese Weltumsegelung zu den Akten gelegt. Wir hatten noch einen superfeuchten Abend auf Malle, bevor wir am kommenden Tag mit der Schnellfähre nach Dénia zurück gekehrt sind.

 

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